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Es geht besser

Nachricht 18. September 2018

Rund 100 Teilnehmerinnen informierten sich beim „Tag der Frauen“ über Armutsfallen

Mit den Armutsfallen für Frauen haben sich beim „Tag der Frauen“ rund 100 Frauen aus der Landeskirche Hannovers befasst. Im Mittelpunkt des Treffens stand der Austausch, aber auch die Hoffnung, dass sich die Kirche mit dem Thema stärker befasst.

Das Problem ist lange bekannt: Mit einigen 100 Euro fällt die gesetzliche Rente von Frauen dramatisch geringer aus als die der Männer. „Männer haben im Schnitt ein fast 40 Prozent höheres Einkommen und um 60 Prozent höhere Altersbezüge“, sagte Franziska Müller-Rosenau, Landespastorin für Arbeit mit Frauen.

Die Armut von Frauen ist auch in der Rollenverteilung begründet. Denn nach wie vor werde die Sorgearbeit eher von Frauen getragen. Frauen seien eher bereit, auf einen Teil ihres Einkommens oder sogar ganz auf Erwerbstätigkeit zu verzichten, um Angehörige zu pflegen oder Kinder großzuziehen, sagte die Landespastorin. „Die gesellschaftliche Aufgabe besteht darin, diese Sorgearbeit wertzuschätzen und angemessen zu entlohnen.“

Deutschland habe seinen Platz als Vorbild und Vorreiter der Sozialgesetzgebung lange verloren. „In keinem europäischen Land ist die Ungleichheit bei der Rente größer“, sagte die  Politikwissenschaftlerin Elisa Rheinheimer-Chabbi in ihrem Impulsreferat am vergangenen Sonnabend beim „Tag der Frauen“ in der Neustädter Hof- und Stadtkirche in Hannover. Für spürbare Abhilfe würde ein Rentensystem sorgen, das nicht allein auf den Einkommen basiere, wie es katholische Verbände schon lange fordern. Ein Schritt in die richtige Richtung sei die erleichterte Rückkehr von der Teilzeit- in die Vollzeitarbeit. „Es gibt in Europa viele Beispiele, wie es besser geht.“

Der Staat lässt die Pflegenden im Stich.

In acht Workshops zu Themen wie Ehrenamt, Alleinerziehende, Pflege, Teilzeit und Grundeinkommen wurden Modelle vorgestellt, wie Frauen der Armutsfalle entgehen können. Susanne Hallermann von der „Initiative gegen Armut durch Pflege“ forderte eine Anrechnung der Pflegezeiten auf die Rente, wie es bisher nur bei der Erziehung möglich ist. „Der Staat verlässt sich auf die Pflegenden, lässt sie aber im Stich.“ So gerieten Leistungsträger der Gesellschaft in die  Armutsfalle.

Im Workshop Ehrenamt machte Pastorin Cornelia Coenen-Marx darauf aufmerksam, dass Kirche darüber sprechen müsse, Frauen einen Weg ins Ehrenamt zu ermöglichen, die es sich nicht leisten können. „Es muss über die Mittelverwendung gesprochen werden“, so Coenen-Marx.

Belastungen, die Frauen in besonderer Weise betreffen, macht der landeskirchliche „Tag der Frauen“ alle zwei Jahre zum Thema, erklärte Bettina Rehbein, theologische Referentin beim Frauenwerk der hannoverschen Landeskirche. Bei diesem Thema sei nun auch die Kirche zum Handeln aufgefordert. „Sie darf die Frauen mit dieser Ungerechtigkeit nicht alleinlassen.“

Das Thema könne zum Beispiel in der Synode aufgenommen werden, sagte Pastorin Hella Mahler, Gleichstellungsbeauftragte der Landeskirche Hannovers. „Die Kirche als Arbeitgeber hält die gesetzlichen Vorgaben zwar ein. Aber darüber hinaus wird nichts für die Arbeitnehmerinnen getan“, so die Gleichstellungsbeauftragte. Die Kirche solle das Bewusstsein der Frauen für ihre Rechte schärfen.

Aber auch die Teilnehmerinnen seien gefordert, Werbung in eigener Sache zu machen, sagte Ingrid Philipp. Sie ist die Ehrenamtliche im Leitungsteam des hannoverschen Frauenwerks. Gleichwohl nehme sie eine große Enttäuschung unter Frauen wahr, dass es immer die Frauen sind, denen es schlechter geht.

Sven Kriszio / EZ