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DITIB- und Ev. Jugend gemeinsam in Bergen-Belsen

Nachricht 18. Oktober 2018

 „Wir treiben alle Sport, lesen viel, studieren, mögen Reisen und verbringen gern Zeit mit unserer Familie und Freunden.“ Eine Viertelstunde lang haben Leander, Beate und Zeynep Zeit gehabt, fünf Gemeinsamkeiten herauszufinden. Die kleine Aufgabe diente nicht nur dem Kennenlernen, sondern auch der Annäherung zwischen Christen und Muslimen, genauer gesagt zwischen Mitgliedern der Evangelischen Jugend der Landeskirche Hannovers und des DITIB Landesjugendverbandes (Türkisch-islamische Union der Anstalt für Religion e.V.) in Niedersachsen/Bremen.

„Holocaust – was geht mich das heute an?“ - unter diesem Titel waren christliche und muslimische Jugendliche zur Besichtigung der Gedenkstätte Bergen-Belsen eingeladen. Die Veranstaltung fand im Rahmen des Projektes „Junge Muslime als Partner“ unter dem Dach der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland statt. Durch das Projekt verbindet die Evangelische Jugend und die DITIB Jugend seit 2015 eine Kooperation, in der sie gemeinsame Aktionen durchführen.

Am 13. Oktober sind so 16 Jugendliche und junge Erwachsene aus Aurich, Papenburg, Osnabrück, Wolfsburg, Hannover und anderen Orten angereist, um mehr über das ehemalige Konzentrationslager Bergen-Belsen zu erfahren, das ab 1940 zunächst Kriegsgefangenen-, später dann Austauschlager, hauptsächlich für Juden mit doppelter Staatsbürgerschaft, war. Von den hier festgehaltenen rund 14.000 Austauschhäftlingen seien aber nur etwa 2500 wirklich gegen im Ausland inhaftierte Deutsche, Geld oder Waffen ausgetauscht worden, berichtet Gesa Lonnemann. Die Referentin der Netzwerkstelle für jugendpolitische Bildung bei der Arbeitsgemeinschaft der evangelischen Jugend in Niedersachsen (aejn) – beheimatet im Landesjugendpfarramt des Hauses kirchlicher Dienste – gibt nach der Kennenlern-Runde eine Einführung in die Geschichte des Lagers Bergen-Belsens.

Willkommene Kontakte zu Menschen anderer Religionen

Das Motiv, an der Veranstaltung teilzunehmen, ist bei den zehn evangelischen und sechs muslimischen Teilnehmerinnen und Teilnehmern in etwa dasselbe: Alle haben bereits andere Gedenkorte des Holocaust besucht und wollen mehr erfahren über das, was zwischen 1933 und 1945 in Deutschland passiert ist. Dass sie dabei auch „neue Leute“  anderen Glaubens kennenlernen, ist durchaus willkommen. Die religionsgemischten Dreier- oder Vierergruppen, die während der Vorstellungsrunde gebildet wurden, bleiben während des Rundganges bestehen und bekommen für die Wegstrecken auf dem weitläufigen Gelände nach jeder Station neue Anregungen für Gesprächsthemen. „Könnt ihr verstehen, warum Menschen wegeschaut haben? Wo werden heute Menschenrechtsverletzungen gesellschaftlich 'geduldet', ignoriert, nicht kommentiert?“, lautet eine der Impulsfragen, nachdem Gesa Lonnemann an den Fundamentresten der „Entlausungsbaracke“ - nur einen Steinwurf entfernt von der Landstraße zwischen Bergen und Winsen – die erniedrigenden Abläufe an diesem Ort geschildert hat, die anhand von  Tagebuchaufzeichnungen ehemaliger Häftlinge dokumentiert sind.

Über 50.000 Menschen haben das Lager Belsen nicht überlebt. Umgekommen sind sie, weil sie unter katastrophalen hygienischen Bedingungen eingesperrt und nicht ausreichend ernährt wurden. „Auch so kann man Menschen ermorden“, sagt Gesa Lonnemann.

Kann Religion davor schützen, solche Taten zu begehen? Davon sind die Gläubigen beider Religionen fest überzeugt. „Jede Religion ist im Kern friedlich“, sagt Sümeyra Kilic, die als Vorsitzende des Landesjugendverbandes der DITIB die Veranstaltung gemeinsam mit Franziska Horn, Jugendbildungsreferentin im Haus kirchlicher Dienste, vorbereitet hat. Nasuh Bellikli, der gemeinsam mit Sümeyra Kilic an der Spitze des niedersächsischen DITIB-Landesjugendverbandes steht, ergänzt: „Wenn Religion missbraucht wird für politische Zwecke, kann es dazu kommen, dass Menschen andere Menschen als minderwertig ansehen.“  Terror entstehe aber nicht durch Religion, sondern durch Politik.

Auch die evangelischen Jugendlichen glauben daran, dass ihre Religion friedenstiftend ist. „Ich bin der Meinung, dass man als Christ alle Menschen gleich behandeln sollte“, meint Alexander Peters von der Evangelischen Jugend Wolfsburg. Irgendwie seien doch alle Götter miteinander verbunden. „Vielleicht sind es nur unterschiedliche Namen für die gleiche Sache“, ergänzt Leander ter Horst. Die Unterschiede, meint der 19-jährige Kfz-Mechatronik- und Informatikstudent, seien gar nicht so groß.

Text: Susanne Zaulick

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