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Zu „Lichttaten“ angestiftet

Nachricht 08. November 2018

„Ich fühle mich sehr bestätigt mit meinen Ideen zum Licht in unserer Kirche. Gerade im letzten Jahr ist sie 175 Jahre alt geworden. Wir haben das ganze Jahr über ein Programm in Verbindung mit dem Reformationsjubiläum veranstaltet. Für die dunkle Jahreszeit, von Allerheiligen bis Mariä Lichtmess hätte ich im Jubiläumsjahr der Kirche gern eine Lichtinstallation gehabt“, sagt Kirchenführerin Carola von der Lieth und strahlt. Sie sei heute mit zwei weiteren Kolleginnen aus ihrer Kirchengemeinde in Jesteburg nach Hannover gekommen, nachdem die zuletzt besuchte Tagung „Schön ist’s hier!“ zur Ästhetik in Kirchenräumen vor einiger Zeit sie so inspiriert hatte.

Zusammen mit knapp 150 weiteren Teilnehmerinnen und Teilnehmern besuchte von der Lieth am vergangenen Mittwoch, 24. Oktober den Fachtag „Licht im Kirchenraum“ in der Matthäuskirche Hannover. Das Kirchen- und Fachpublikum kam zu der ausgebuchten Tagung, die von den Arbeitsfeldern „Kunst und Kultur“ und „Offene Kirchen“ des Hauses kirchlicher Dienste Hannover initiiert wurde. Eine ihrer zentralen Botschaften: Das Licht hat eine theologische Aussage, die sich mithilfe von Lichtkunst erfahrbar machen lässt. „Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis“ heißt es in einem Paulus-Brief (1. Thessalonicher 5,5).

Mit einem breiten Spektrum von Themen – von Arbeiten des international renommierten amerikanischen Lichtkünstlers James Turrell über die Außenbeleuchtung von Kirchen bis hin zum Einsatz von Kerzen in der Kirchenpädagogik – wurden die Gäste zu neuen „Lichttaten“ angeregt und ermuntert, eigene Erfahrungen mit Licht in ihren Kirchen vor Ort zu machen „Stecker rein und los!“, sagte die Lichtkünstlerin Nikola Dicke im Vorfeld der Veranstaltung. Sie will damit sagen: Es gibt kein zu viel oder zu wenig an Licht – es geht darum, die Möglichkeiten im Umgang damit auszuprobieren.

Durch Licht zu ganz anderem Erleben von Kirche kommen

Genau dieser Wunsch nach neuen, ungewöhnlichen und inspirierenden Ideen für die Lichtgestaltung in den Kirchen lockte Jürgen Klensang aus Sittensen nach Hannover. Der Elektroingenieur und Lichtplaner führt ein Familienunternehmen und engagiert sich ehrenamtlich im Bauausschuss des Kirchenvorstandes der St.-Dyonisius-Gemeinde. „Ich finde es bei der Lichtgestaltung der Kirche besonders wichtig, dass man gern in das Gebäude geht und diesen Ort erleben kann, dass man ihn nicht als Museum sieht, sondern als einen Raum der Begegnung und dazu kann das Licht unheimlich viel beitragen.“

„Durch Licht ist es möglich, den Menschen ein ganz anderes Erlebnis ihrer Kirche zu ermöglichen“, sagte die Künstlerin Nicola Dicke vor kurzem in einem epd-Interview. Dies demonstrierte sie live im Veranstaltungsraum. Die 1906 erbaute Matthäuskirche wurde bei einem schweren Luftangriff 1943 weitestgehend zerstört, nur Turm und Chor blieben erhalten. Anfang der 1970er Jahre wurde die Kirche durch einen massiven Betonanbau wieder ergänzt, der als Gottesdienstraum dient. In diesem brutalistisch anmutenden Kirchenschiff der Matthäuskirche verzauberte Dicke das gesamte Publikum mit ihren Lichtbildern. Im Handumdrehen hat sie die massiven, dunklen Betonwände mit projizierten Lichtfenstern versehen und zarten Blüten geschmückt; die Knospen öffneten und schlossen sich und schließlich flog ein Vogel durch den Raum. Zum Ende des Fachtages ließ sie einen Sternenhimmel erscheinen.

„Ich finde es ist wichtig, dass man Licht steuern kann, je nach dem was wir im Gottesdienst feiern. Dass es nicht immer so knall-hell ist“ erzählt Jürgen Klensang. „Wir haben in Sittensen eine der schönsten Friedhofskapellen, die ich kenne – ganz schlicht, die Giebelwand ist von dem Hauptgebäude getrennt und ist verbunden mit einem bunten Glas, bis hin an die Spitze. Mein Vater ist vor einigen Jahren gestorben – und wir haben dort gesessen, todtraurig und dann schien die Sonne genau in dem Moment herein und der Sarg war wie eine Explosion von Farben. Unglaublich!“ Um die Lichtkonzepte für Kapellen ging es auch in einem Workshop, in dem sich von der Lieth und Klensang beim Fachtag begegnet sind. Eine Stunde – drei Konzepte – angeregte Diskussion.

Werner Lemke, leitender Baudirektor aus dem Landeskirchenamt, führte in dem Lichtkonzepte-Workshop in die James Turrell-Lichtinstallation in der Kapelle des Dorotheenstädtischen Friedhofs Berlin ein. In einer Quäker-Familien aufgewachsen, wurde der Künstler von dem Gedanken beeinflusst, dass das „innere Licht“ in jedem Menschen gegenwärtig ist. Dieses innere Licht bringt Turrell in seinen Kunstwerken zum Vorschein und lässt die Betrachter spüren, wie sich die Grenzen zwischen Innen und Außen auflösen.

„Sterben wird zunehmend als das Ende eines durch Gestaltungsfreiheit und Konsum sinnvollen Lebens empfunden. Tod ist sinnlos, Trauer ist privat“ sagte Pastor Carsten Wedemeyer von der Marien-Petri-Gemeinde in Wennigsen. Er zeigte gemeinsam mit Katja Hennig, Planerin in der Bauabteilung der Klosterkammer Hannover, wie aus einer Friedhofskapelle, „die in die Jahre gekommen ist“, durch Licht und Farbe ein moderner Raum entstehen kann, in dem sich die trauernde Menschen verstanden fühlen und Trost finden. Durch das Schaffen von Resonanzräumen für Fragen und Emotionen, durch eine Tür, die ein Licht hereinlässt sowie durch bewusste Lichtakzente im Raum ermöglicht die Friedhofskapelle nun, den Tod zu beklagen und gleichzeitig das Leben ins seiner Ganzheit zu feiern, so Wedemeyer.

Neue Lichtkonzepte müssen nicht teuer sein

Auch mit überschaubaren finanziellen Mitteln ist es möglich, einen Kirchenraum radikal zu verändern. Die St.-Lamberti-Kirchengemeinde in Bergen hat ein farbenfrohes Lichtkonzept ausgewählt, das die weiße Runddecke je nach Ereignis in blau, violett, gelb, grün oder orange strahlen lasst. Eine versteckte LED-Leiste sorgt unaufdringlich für passende Stimmungslagen – eine gute Wirkung muss nicht immer teuer oder komplex sein, sondern gut überlegt und zum Raum passen.

„Ich habe den Konzept-Workshop ausgewählt aufgrund des Titels ‚Lichtkonzept’“ sagte Carola von der Lieth im Anschluss. „Man muss da konzeptionell heran gehen, das ist nicht mal eben so nebenbei gemacht. Die Gemeinde muss mitgenommen werden und die hauptamtliche Führung der Gemeinde – wie im Beispiel in Bergen – muss da ganz und gar hinter stehen. Es ist ein Kraftakt und bei uns käme die Kirchenrenovierung noch dazu.“

Beginnt man über das Licht in einer Kirche nachzudenken, stellt sich schnell die Frage der Raumgestaltung. Und: Was kostet das? Jürgen Klensang hat es in der Kirche Jork-Borstel erlebt, dort wollte man in einer schönen, alten Kirche eine neue Beleuchtung installieren und kam auf eine ungewöhnliche Idee. In einem Gottesdienst gab es Lesungen mit bekannten NDR-Moderatorinnen und Moderatoren. Im ersten Teil der Lesungen wurde zunächst nur den Altar beleuchtet, mit der alten Beleuchtung. Nach einer Weile wurde den Gästen gesagt, dass eine neue Beleuchtung in der Kirche geplant sei und ein Teil schon umgesetzt wurde, und dass man gern weiter machen möchte und – plötzlich – ging das „neue Licht“ an. Das Ergebnis war großartig – weil die Menschen konkret sehen und erleben konnten, wie das Licht den Raum bereichert hat. So konnte die Gemeinde innerhalb kürzester Zeit die fehlenden Gelder für die noch ausstehenden Arbeiten zusammen bekommen.

An neuen Ideen mangelt es bei Carola von der Lieht nicht. „Ich hätte gerne bei dem nächsten Fachtag den kompletten Kirchenvorstand da, damit das Feuer so richtig überspringt.“ Schon durch das Ambiente dieses Fachtages fühlt sie sich inspiriert und meint „Ich bleibe an dem Thema ‚Licht‘ bei uns in der Kirchengemeinde dran!“

Mitveranstalter Pastor Achim Kunze, Referent für Kunst und Kultur im Haus kirchlicher Dienste, wünscht sich, dass die Besucher der Fachtagung im wahrsten Sinne des Wortes „erleuchtet“ wurden: „Wenn die Menschen nach Hause gehen und sagen, ich probiere es mal mit dem Licht in meiner Kirche aus. Es muss nicht immer zu teuer oder auch zu kompliziert sein; oft reicht ein durchdachtes Konzept und die einfachsten Mitteln. Das hoffen wir, bei dem Praxistag den Teilnehmenden vermittelt zu haben.“

Text: Anna Findert