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Integration durch Stärkung von Identität

Nachricht 18. Juni 2018

Vor sechs Jahren wurden regelmäßige Begegnungen von Landesbischof Ralf Meister mit orthodoxen Geistlichen aus Niedersachsen initiiert. Neben dem Landesbischof und Vertretern aus den Arbeitsfeldern Migration und Ökumene im Haus kirchlicher Dienste nahmen in diesem Jahr orthodoxe Priester und Theologen aus Rumänien, aus dem mittleren Osten, aus Russland, Griechenland und aus Serbien teil.

Nach der Römisch-katholischen und den Evangelischen Kirchen ist die Orthodoxe Kirche mit ca. 2 Millionen Mitgliedern die drittgrößte Kirche in Deutschland. Sie ist organisatorisch in verschiedene voneinander unabhängige Nationalkirchen gegliedert. Um nach außen hin als eine Kirche sprechen zu können, haben sie sich in der „Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland“ (OBKD) zusammengeschlossen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sind mehrere orthodoxe Kirchen in Deutschland heimisch geworden. Die russischen und serbischen Kirchen entstanden unter ehemaligen Kriegsgefangenen und wurden durch Zuwanderung größer. Die griechische Kirche kam mit den damals sogenannten „Gastarbeitern“ nach Deutschland. Die mittelöstlichen und rumänischen Kirchen sind in den letzten Jahren stark gewachsen. Obwohl die orthodoxen Kirchen ihrem Ursprungsland verbunden bleiben, engagieren sich auch Deutsche in den Gemeinden. Die Gottesdienste werden oft mehrsprachig gefeiert, auch um die Generation der in Deutschland Geborenen und Aufgewachsenen einzubeziehen.

Die Griechische Orthodoxe Kirchengemeinde der Heiligen Drei Hierarchen ist seit langem gut in Hannover etabliert und fester Bestandteil des Gemeinwesens. In diesem Jahr feiert sie ihren 25. Geburtstag. Die Serbische Orthodoxe Kirche des Heiligen Sava in Hannover existiert als eingetragener Verein bereits seit 1958. Seit dem Jahr 2000 hat sie neben der griechischen eine eigene Kirche im Orthodoxen Zentrum. Andere Gemeinden, wie die Antiochenische Orthodoxe Gemeinde des Heiligen Erzengels Gabriel und Rumänische Orthodoxe Gemeinde der Heiligen Paraskeva dagegen suchen noch einen geeigneten eigenen Kirchraum. In manchen Fällen gibt es eine Gastfreundschaft evangelischer oder römisch-katholischer Gemeinden, aber auch die Abgabe von kirchlichen Immobilien an orthodoxe Gemeinden wird geprüft. Wieder anders sieht es in der Russisch Orthodoxen Kirchengemeinde Maria Verkündigung aus, die in einer umgestalteten ehemaligen Autowerkstatt ihre Gottesdienste feiert. Und auch darin unterscheiden sich die orthodoxen Gemeinden, nämlich, ob ihre Priester neben dem Dienst als Geistliche noch teilweise voll in einem weltlichen Beruf tätig sind: Einige sind mit einigen Stunden im Schuldienst, unter den Priestern war aber auch ein Krankenpfleger und ein Bauingenieur.

Das diesjährige Treffen im orthodoxen Zentrum in Hannover im Mengendamm stand unter dem Thema „Die Bedeutung der Liturgie in der Diaspora“. Priester Alexej Tereschenko betonte in seinem Eingangsreferat die Rolle des Gottesdienstes und der Gemeinschaft der Gemeinde für Menschen, die in Deutschland eine neue Heimat gefunden haben. Gerade fern ihrer Ursprungsländer entdecken viele Migranten im Gottesdienst eine neue Heimat in der Fremde und intensivieren ihr geistliches Leben. Der Gottesdienst, wo die Gemeinde sich versammelt, um Gott zusammen mit der „unsichtbaren Kirche“, den Engeln und den vorausgegangenen (verstorbenen) Gliedern der Kirche, zu ehren, ist daher für die orthodoxen Christen in Deutschland ebenso ein zentraler Ausdruck des kirchlichen Lebens wie der eigenen Identität. Die Gemeinden erleben sich stärker als eine gemeinsame Familie. Das äußert sich auch in der Gegenwart vieler Kinder beim Gottesdienst. Ein Priester berichtete, dass er während der Liturgie immer aufpassen müsse, über keines der bis zu 120 herumlaufenden Kinder zu stolpern.

Das diesjährige Gespräch machte erneut deutlich, wie sehr die Integration in die deutsche Gesellschaft durch die Stärkung der eigenen Identität gefördert werden kann. Die orthodoxen Gemeinden bieten sich hier als eine sichere Basis an. Gleichzeitig wird deutlich, wie sich die Gemeinden über die Jahre hinweg selbst verändern und nach und nach für das Gemeinwesen eine wichtige Rolle übernehmen können.