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Psalmen eines Ketzers

Nachricht 16. Februar 2018

Zum Aschermittwoch der Künste, so hat es sich eingebürgert, laden die Evangelisch-lutherische Landeskirche und die Hanns-Lilje-Stiftung immer abwechselnd in eine Kirche oder einen Kulturort ein. Mit der 20. Ausgabe ist nun beides auf einmal gelungen: Erstmals war der Aschermittwoch der Künste zu Gast in Hildesheim, wo seit vier Jahren das Literaturhaus St. Jakobi ein Aushängeschild in Sachen Kultur ist – und aktuell eine der vier offiziellen Kulturkirchen in der Landeskirche.

Der Ort war bewusst gewählt, denn in diesem Jahr – auch das war eine Premiere – stand die Literatur im Mittelpunkt. 160 Gäste aus Kunst, Kultur, Kirche und Gesellschaft erlebten ein dreistündiges anspruchs- und niveauvolles Programm. Mit Uwe Kolbe, dem in Ostberlin aufgewachsenen und in Dresden lebenden Lyriker, war ein Autor zu Gast, der sich in seinem jüngsten Gedichtband von den Psalmen hat inspirieren lassen. Kolbe einzuladen war eine spannende Wahl, denn der Schriftsteller bezeichnet sich selbst als Ketzer und Heide. Dem kirchlichen Mainstream ist er jedenfalls in keiner Weise zuzuordnen.

Doch selbst wenn Kolbe sich nicht an den christlichen Gott wendet: Seine persönlichen Psalmen sind an eine „höhere Instanz“ adressiert. Dabei kann es sich um die Liebe oder etwas nicht näher Benanntes handeln. „Transzendenz“ ist ein Begriff, auf den Kolbe an diesem Mittag in Hildesheim immer wieder zurückkommt. Zugleich habe er hohen Respekt vor dem Gebets- und Liederbuch des Alten Testaments, sagte der 1957 geborene Autor im Gespräch mit Landesbischof Ralf Meister und Privatdozentin Julia Koll von der Evangelischen Akademie Loccum.

Meister berichtete, dass ihn Kolbes „Psalmen“ nun schon seit Wochen begleiten. Jeder habe das Recht, seine persönlichen Loblieder zu verfassen. Psalmen seien ja „Texte von Menschen über ihre Beziehung zu Gott, nicht Texte, die Gott an die Menschen richtet“. In Kolbes Dichtungen hätten ihn besonders die Passagen berührt, die den Punkt beschreiben, in dem sich die Zeit auflöst. Denn aufgelöste Zeit, so der Landesbischof, sei Ewigkeit.

Den Weg in die Thematik hatte eine ungewöhnliche Darbietung des 90. Psalms bereitet: Uwe Kolbe las den Psalm, und der Musiker Lars Stoermer improvisierte dazu auf dem Saxophon. Harsche, ungewohnte Klänge entlockte Stoermer dem Instrument und schickte sie mit der Loop Station in Endlosschleifen – eine stimmige Vertonung des Psalms, der sich so intensiv mit den letzten Dingen auseinandersetzt: „Das macht Dein Zorn, dass wir so vergehen, und Dein Grimm, dass wir so plötzlich dahin müssen.“ Christoph Dahling-Sander, Sekretär der Hanns-Lilje-Stiftung, griff den Faden später auf und schloss den Kreis, indem er „Variationen zu Psalm 90“ vorstellte.

Fabian Töpfer