Motive und Wurzeln der Dekade
Als sich gegen Ende des gewalttätigsten Jahrhunderts in der Geschichte der Menschheit die Kirchen zur Achten Vollversammlung des ÖRK 1998 in Harare (Simbabwe) zusammenfanden, verpflichteten sie sich zu einer Pilgerreise des Friedens. In den Schlussminuten der Vollversammlung fand der Antrag des jungen mennonitischen Delegierten Fernando Enns die Zustimmung der Vollversammlung, in den Jahren 2001-2010 eine Dekade zur Überwindung von Gewalt in allen Mitgliedskirchen des ÖRK durchzuführen. In der Schlussbotschaft von Harare heißt es: "Wir sind durchdrungen von der Vision einer Kirche, dem Volk Gottes auf dem Weg miteinander, das Einspruch erhebt gegen alle Trennungen aufgrund von Rasse, Geschlecht, Alter oder Kultur, das Gerechtigkeit und Frieden zu verwirklichen sucht und die Integrität der Schöpfung achtet."
Am 4. Februar 2001 wurde die Dekade in Potsdam und Berlin im Rahmen einer Sitzung des Zentralausschusses des ÖRK eröffnet. In der Botschaft, die bei der offiziellen Feier im Haus der Kulturen verlesen wurde, heißt es: „Wir rufen alle Kirchen und ökumenischen Organisationen nachdrücklich auf, Gemeinschaften des Friedens zu sein und aufzubauen…; gemeinsam Buße zu tun für unsere Mitverantwortung für Gewalt; … sich dafür einzusetzen, den Teufelskreis der Gewalt zu durchbrechen.“
Die Wurzeln der Dekade reichen weit in die Geschichte der weltweiten kirchlichen Bewegung zurück: Getrieben von dem Willen, zu Unrecht und Gewalt nicht zu schweigen, tauchte in der ökumenischen Bewegung immer wieder die Idee eines großen ökumenischen Friedenskonzils auf. Schon Dietrich Bonhoeffer fragte in seiner berühmt gewordenen Andacht in Fanö 1934: „Wie wird Friede? ... Nur das eine große ökumenische Konzil der Heiligen Kirche Christi aus aller Welt kann es so sagen, dass die Welt zähneknirschend das Wort vom Frieden vernehmen muss und dass die Völker froh werden, weil diese Kirche Christi ihren Söhnen im Namen Christi die Waffen aus der Hand nimmt und ihnen den Krieg verbietet und den Frieden Christi ausruft über die rasende Welt.“ Die Erschütterungen des II. Weltkriegs führten 1948 zu dem klaren ökumenischen Bekenntnis von Amsterdam: „Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein.“ Die Delegierten der DDR brachten zur Vollversammlung des ÖRK in Vancouver 1983 den Antrag mit, zu prüfen, ob die Zeit reif sei „für ein allgemeines, christliches Friedenskonzil“. Daraus erwuchs später die Weltkonvokation für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung 1990 in Seoul. Während der letzten ÖRK-Vollversammlung 2006 in Porto Allegre / Brasilien wurde in einem großen Konsens der Kirchen beschlossen, die Dekade zur Überwindung von Gewalt mit einer Internationalen Ökumenischen Friedenskonvokation (IÖFK) in Jamaika 2011 abzuschließen.
Viele Erfahrungen für die Dekade zur Überwindung von Gewalt wurden gesammelt in der Geschichte der ökumenischen Bewegung. Zu nennen sind hier:
· die Anfänge der ökumenischen Bewegung, die im Anschluss an das Neue Testament gelehrt haben, dass eine, heilige, allgemeine und apostolische Kirche alle nationalen oder ethnischen Identitäten transzendiert und uns zur uneingeschränkten gegenseitigen Teilhabe verbindet;
· das Programm zur Bekämpfung des Rassismus, das den Respekt vor der Ebenbildlichkeit Gottes in allen Menschen lehrte und entsprechenden politischen Einsatz forderte;
· der konziliare Prozess, nach dem Fragen von Gerechtigkeit, Frieden und Schöpfungsbewahrung untrennbar zusammengehören;
· die Dekade „Kirchen in Solidarität mit den Frauen“, die auf die bedrängenden Probleme der Gewalt gegen Frauen (Häusliche Gewalt, Frauenhandel etc.) neu hinwies und an die unverzichtbare Kraft und Spiritualität der Frauen in den Kirchen erinnerte.



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