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Wortmeldung

Eine Informationsschrift des KDA der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers.

September 2007: Wenn die Normaluhr abläuft...

"Parkplatz – Nur für Mitarbeiter und Besucher". Die Schrankanlage ist außer Betrieb. Unkraut wuchert aus den Lücken der Verbundsteine. Der Maschendrahtzaun ist löchrig, das Wellblechdach des Fahrradschuppens eingeknickt. Es gibt direkt neben der Einfahrt Plätze zur freien Auswahl. Gegenüber das Werk: Ziegelsteingebäude ziehen sich viele hundert Meter rechts und links der Hauptwache entlang. Oberhalb der Durchfahrt ein großflächiges, flexibles Display in grellbunten Lettern “TransMatic GmbH”. Darüber das verblassende Relief eines Wappens “Ahlders Maschinen- und Anlagenbau”. Ich überquere die Straße und nähere mich dem Tor. Daneben eine Stelle mit weiteren Firmenschildern: “Gesellschaft für Wiedereingliederung gGmbH”, “Downtown Commercials”, “Trimex Import-Export”. Der Durchgang ins Werk: Eine verglaste Kabine, drin im fahlen Licht einer Tischlampe der Pförtner. “Guten Tag, ich komme vom KDA und bin mit Frau R. verabredet”. Nach kurzem Telefonat nickt er mir zu und lässt mich passieren. Das Fabrikgelände ist durch einen Zaun geteilt. Dahinter verfallen einst stattliche Produktionshallen. Die Zeit der Normaluhr am Kantinengebäude ist längst abgelaufen. Zwei Arbeiter in Overalls und gelben Schutzhelmen befördern Glasflaschen auf einer Karre. Der ehemals mondäne Eingang zur Verwaltung: Noch wenige Schritte über den Flur, vorbei an Wandverkleidungen aus dunklen Edelhölzern. Bis zum Türschild “Human Ressource Management”. Es ist mein dritter Besuch bei Frau R. . Vor sieben Jahren schloss das Stammwerk in Oberfranken. Man bot ihr die Personalleitung des vom Konzern neu erworbenen Werkes im Leinetal an. Sie erzählt, wie die einzelnen Abteilungen der Maschinenfabrik verkauft und die Produktion verlagert wurde. Von ehemals 450 Arbeitsplätzen sind 55 in Vertrieb und Service geblieben. Die in Rumänien produzierten Lüfter müssen nachgebessert werden, bevor sie auf den deutschen Markt gelangen. Wir reden über die täglichen Kündigungsgespräche und die Gewissheit, dass sie in absehbarer Zeit die Letzte sein wird, die hier das Licht löscht. Und über ihre Ideen, was danach sein wird. Dann verabschieden wir uns bis zum nächsten Treffen. Zurück am Werkstor: Drei Mitarbeiterinnen scherzen mit dem Pförtner. Ich höre gerade noch beim Hinausgehen, dass es ihr letzter Tag und endgültiger Abschied vom Betrieb ist. Vom Parkplatz aus wendet sich mein Blick nochmals auf die Fassade. In einigen der großflächigen Fenster finden sich Werbetafeln: Ein U.S. Immobilienkonzern bietet Industrieflächen zum Verkauf an.

Während meiner Rückfahrt denke ich immer wieder an Frau R. . Ich empfinde tiefen Respekt gegenüber ihrer Gelassenheit und erinnere mich an das alte Gebet von Friedrich Christopher Oetinger: “Herr, gib mir Kraft, Dinge zu verändern, die ich ändern kann. Gib mir die Gelassenheit, Dinge zu ertragen, die ich nicht ändern kann. Und gib mir die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.”

Die Weisheit der nüchternen Entscheidung ist wohl nötig in stürmischen Zeiten, inmitten von Abbruch und Aufbruch, zwischen Krise und Euphorie. Und sie kann helfen, den Kopf und das Herz frei zu bekommen für Herausforderungen der Zukunft. Die Uhren werden weitergehen.

Peter Greulich, Referent im KDA Niedersachsen-Süd
greulich@kirchliche-dienste.de

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