Bildelement; Link zu: www.landeskirche-hannover.de
Bildelement; Link zur Startseite des Hauses kirchlicher Dienste


Wortmeldung

Eine Informationsschrift des KDA der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers.

Juni 2007: Moderne Armut - "Die haben nichts - die bringen nichts"

„7 Wochen leben mit Hartz IV“ - so eine Aktion des Diakonischen Werkes während der Fastenzeit. Es ergaben sich äußerst unterschiedliche Ansichten darüber, was denn eigentlich Armut sei. Die einen befanden, „Hartz IV“ beseitige Armut, die anderen sagten „Nein, das ist die moderne Armut.“ Und ich dachte: Moderne Armut - gibt’s das überhaupt?

Natürlich ist es nicht modern geworden, arm zu sein. Aber Armut gibt sich oft in einem „modernen“ Gewand: Es entsteht kaum mehr das Bewusstsein einer gemeinsam erlebten Benachteiligung innerhalb sozialer Lebenszusammenhänge. Damit steht Armut heute im Gegensatz zu früheren Epochen, in denen sie als zwangsläufig oder unvermeidbar bzw. manchmal auch als von Gott auferlegt angesehen wurde.

In unserer modernen Gesellschaft gilt Armut als vermeidbar und ist darum begleitet von der Frage nach persönlicher Schuld und persönlichem Versagen. Die moderne Armut beruht auf gestiegenen gesellschaftlichen Ansprüchen ohne Aussicht auf die Mittel, diese auch befriedigen zu können. Die Betroffenen empfinden sich selbst explizit als arm. Armut bedeutet für sie, nicht dazuzugehören, ganz unten zu sein, alle anderen über sich zu sehen, mit sehr geringen Chancen, dieser Situation jemals zu entkommen. Darauf
hat auch die im vergangenen Jahr erschienene Denkschrift
der EKD zur Armut aufmerksam gemacht. Armut ist in unserer hoch entwickelten Gesellschaft meistens nicht mehr eine Frage des Überlebens, sondern eine Frage des menschenwürdigen Daseins. Die Wahrnehmung von Armut beinhaltet dabei immer auch eine subjektive Deutung. In meiner Beratungsarbeit sagen mir Arbeitslosengeld II - Bezieher oft: „Man kann damit leben, aber nicht in dieser Gesellschaft.“

Von einer Gesellschaft, die auf materiellen Werten basiert, wird Armut jeder Art gefürchtet, weil sie eine Bedrohung dieser Gesellschaft und ihrer Werte darstellt. Die Lebenslage armer Menschen ist Quelle permanenten Unmuts. „Die haben nichts - die bringen nichts.“

Ich wünsche mir, dass arme Menschen nicht nur nach Aktenlage in den Blick genommen werden, wenn wir über die Agenda 2010 reden oder über
Hartz IV oder über Teilhabe und Gerechtigkeit. Begegnen wir ihnen vielmehr auf Augenhöhe mit Respekt und Würdigung ihrer Gaben und Talente. Vor Gott sind alle Menschen gleich. Armut ebenso wie Reichtum kann menschliche Würde weder schmälern noch vergrößern. Ob arm oder reich, christliche Zusage und christlicher Auftrag ist es, sich mit dem, was man hat und mit dem, was man ist, in die Nachfolge Christi zu stellen.

Reicher Mann und armer Mann standen da und sah'n sich an. Und der Arme sagte bleich: „Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.“

aus dem Gedicht „Alfabet“, Bertolt Brecht 1934.

Brigitte Siebe, Celle
Ev. -luth. Kirchenkreis Celle
Beratungsstelle für Arbeitslose
Brigitte.Siebe@evlka.de

Weitere Ausgaben

Zum SeitenanfangSeitenanfangHaus kirchlicher Dienste der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers · Archivstr. 3 · 30169 Hannover