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Wortmeldung

Eine Informationsschrift des KDA der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers.

April 2006: Schritte zur Versöhnung

„Was soll das denn?“ rief Achmed empört. Da hatte ihm doch jemand hinterrücks einen Stoß versetzt, sodass er vornüber fiel. Wie soll man das Gleichgewicht bewahren, wenn man gerade auf einem Gebetsteppich kniet und so angemacht wird. Als er sich aufgerappelt hatte und um sich schaute, bemerkte er die drei Arbeitskollegen, die spöttisch auf ihn herabblickten.

Nie zuvor war ihm ähnliches passiert. Bitterkeit und Zorn stiegen in ihm auf. Es hatte doch keiner etwas dagegen gesagt, als er sie gefragt hatte, ob er sein Gebet im Pausenraum halten dürfe. Aber nun war scheinbar alles anders. Sie hielten ihn für einen Islamisten, einen fanatischen Muslim. Sie lehnten ihn ab. Dass sie Kollegen waren – an der gleichen Montagelinie, das zählte nicht mehr. So dachte Achmed.

Für die Kollegen war der Stoß ein Scherz gewesen. Ein zugegeben schlechter Scherz, wie Francesco später erklärte. Doch da war der Streit längst eskaliert, denn inzwischen hatte Achmed sich beschwert und seine muslimischen Arbeitskollegen alarmiert.

Es war ein mühsamer Weg, diesen Vorfall aufzuarbeiten. Und es stellte sich rasch heraus: Sie wussten viel zu wenig voneinander – Christen und Muslime. Obwohl sie seit Jahren im selben Betrieb arbeiteten, hatten sie kaum etwas mitbekommen von der Kultur und Lebensweise der jeweils anderen. Geschweige denn von der Glaubensüberzeugung, die sie geprägt hatte. Denn über Religion sprach man doch nicht. Und schon gar nicht am Arbeitsplatz.

Das wurde jetzt anders: Ein halbes Jahr lang trafen sie sich regelmäßig zu „Aufklärungsgesprächen“. Es wurde diskutiert, gemeinsam im Koran und in der Bibel gelesen. Manche Vorurteile kamen da zutage, Missverständnisse wurden ausgeräumt, Schritte der Versöhnung wurden möglich. Mirko begriff jetzt, warum die junge Muslimin seinen Gruß nicht erwidern konnte, wenn sie sich bei Schichtwechsel begegneten. Und auch Achmeds Zorn schwand allmählich, nachdem sich die Kollegen für ihr Verhalten entschuldigt hatten.

Es braucht viele Schritte zur Versöhnung. Es braucht Verstehen, Respekt und Achtsamkeit füreinander. Und das nicht nur in der kleinen Arbeitswelt, sondern in der ganzen Lebenswelt. Ein Bibelwort kann uns dafür die Grundlage geben: „Christus ist die Versöhnung für unsere Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt.“
(1 Joh. 2,2)

Hans Finette, Pastor des KDA in der Region Wolfsburg

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