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Wortmeldung

Eine Informationsschrift des KDA der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers.

November 2005: Haben oder Sein?

Den Auslagen in den Supermärkten nach zu urteilen steht Weihnachten unmittelbar vor der Tür: Spekulatius, Lebkuchenherzen und Weihnachtsstollen gibt es seit September überall.
Doch offensichtlich kaufen wir alle noch immer nicht genug. Das Ladenschlussgesetz lässt seit einiger Zeit die Sonntagsöffnung an vier Sonntagen im Jahr zu. Deshalb sollen nun auch noch am 1. Adventssonntag alle Läden öffnen dürfen. Die Landeshauptstadt macht es vor, die umliegenden Städte und Gemeinden machen es nach. Lediglich die Beschäftigten und ihre Vertretungen in den Kaufhäusern protestieren, möchten in dieser arbeitsintensiven Zeit wenigstens am Sonntag ausruhen und bei ihren Familien sein.
Früher war die Welt zumindest auf dem Lande noch in Ordnung: Am Sonntag wurde auf unserem bäuerlichen Betrieb grundsätzlich nur das Notwendigste getan. Auch bei schönstem Erntewetter blieb der Trecker in der Scheune stehen. Der Ernte hat es nicht geschadet, den Menschen aber sehr genützt. Sie nahmen das Gebot der Sonntagsheiligung noch ernst, das besagt, dass der Mensch am 7. Tag der Woche „ruhen“ soll.

Heute befinden wir uns auf dem Weg in die kontinuierlich aktive Gesellschaft. Von kollektiven Ruhephasen wissen bald nur noch die Älteren unter uns zu
berichten. Die Ausweitung der Ladenöffnungszeiten auf den Sonntag finden viele Menschen praktisch, aber es ist zugleich eine Last: Das „Haben“ steht nun an sieben Tagen in der Woche im Mittelpunkt, es gibt keine Pause vom kontinuierlichen Einkaufen. Ein Tag, an dem es morgens herrlich ruhig auf den Straßen ist, ein Tag, an dem man sich verabreden kann, weil alle Zeit haben, einen solchen Tag gibt es bald nicht mehr. Soziologen sprechen auch vom „Ende gemeinsamer Zeit“.

Ladenöffnung am 1. Advent, das ist besonders perfide, soll doch dann eigentlich die Zeit der Erwartung beginnen, die „besinnliche“ Weihnachtszeit eben.
Für die VerkäuferInnen ein trauriger Tag, für ihre Kinder erst recht, wenn Vater oder Mutter nicht da sind. Und wer früh¬stückt mit den Kindern von Alleinerziehenden?

Ein gemütlicher Sonntag ist Balsam für Herz und Seele. Die Uhr kann in der Schublade bleiben. „Gib der Seele einen Sonntag und dem Sonntag eine Seele“, fordert Peter Rosegger.

Die Kampagne „Du bist Deutschland“ soll 82 Millionen Deutsche wachrütteln und sie zu Eigenverantwortung und Engagement anspornen. Einer Studie zufolge sind rund 70 % der Deutschen der Meinung, sie hätten keinen Einfluss mehr auf ihr Schicksal und das des Landes.

Beweisen wir das Gegenteil!
Wir stellen uns einfach vor, die Läden sind auf und keine/r geht hin!

Gerda Egbers

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