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Wortmeldung

Eine Informationsschrift des KDA der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers.

Oktober 2004: Armut und Reichtum

Dem staunenden Publikum werden die 100 reichsten Menschen und Familien in Deutschland präsentiert – Reichtum in Deutschland. Entsetzt wird der Armutsbericht der Regierung gelesen - Armut in Deutschland.
Armut – Da ist die Geschichte des kleinen Handwerkers, der sein Unternehmen in einer Insolvenz verliert: „Die wirtschaftliche Entwicklung – keine Aufträge mehr!“ Absturz – nicht nur in die Sozialhilfe mit Arbeitspflicht, sondern auch im Leben. Zum Chor kommt er nicht mehr. Den anschließenden gemütlichen Umtrunk kann er sich nicht mehr leisten. Statt dessen macht er Gartenarbeit auf öffentlichen Anlagen. Früher hat er Jugendprojekte gesponsert.
Armut - Da ist die Geschichte der jungen Mutter, der ihr abgeschlossenes Studium nichts nützt, weil sie ein kleines Kind zu versorgen hat. Der Beamte im Sozialamt ist nett, aber er muss genau kontrollieren. „Bei uns verhungert keiner!“ – Immer wieder gehörter Satz. Zwischen Zynismus und Hilflosigkeit.
Reichtum – Auf der anderen Seite die Geschichte des Sohnes aus reichem Hause. Er kommt mit einem schwarzen Sportwagen in das erste Semester: „Hauptberuflich Sohn“ ist unsere Reaktion. Ich höre seine Geschichte von strengen, konservativen Eltern ohne Zeit, von Kindermädchen, Internaten und erlebe einen Menschen, der mit seinem Geld nicht weiß, wo er hingehört. „Pecunia non olet“ stimmt das wirklich?
Armut und Reichtum – Ungerechtigkeiten und Verteilungsfragen.
Springender Punkt ist die Würde. Armut kann entwürdigend sein, ohne dass ein Mensch verhungert. Diese Schwelle der Entwürdigung lässt sich nicht in Euro und Cent ausdrücken. Sie hat viel mit den Lebensumständen zu tun und ist auch noch von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Ein Staat kann aber nicht den Lebensstandard jedes Menschen aufrechterhalten.
Jenseits der Verteilungsfrage lässt es einen tiefen Blick in unsere Gesellschaft zu, wenn Würde des Zusammenlebens auf Geldmitteln beruht. Teilhabe ist das entscheidende Wort in diesem Zusammenhang. Der Chor hat den Grund des Fernbleibens nie erfahren. Keiner hat gefragt. Der kleine Handwerker war einfach nicht mehr da. Von der Teilhabe war er ausgeschlossen – ohne bösen Willen, einfach aus Gedankenlosigkeit.
Ein Plakat der Montagsdemonstrationen heißt: „Bis 1989 nahm man uns die Freiheit jetzt die Menschenwürde“. Menschen haben Angst um ihre Würde. Bei Hartz IV geht es auch ums Geld, aber vor allen Dingen um die Angst vor dem Absturz aus den sozialen Bezügen, die in unserer Gesellschaft am Geld hängen.
Alle anderen Debatten sind wichtig, aber die Frage nach der Würde des Menschen ist unbequem, denn sie fordert unser Handeln. Würde kann man sich nicht kaufen, Würde wird einem gegeben – von anderen Menschen, von uns. Da geht es nicht nur um finanzielle Umverteilung, sondern auch darum, wie wir in unserer Gesellschaft miteinander umgehen. Wer möchte kann in die Bibel schauen und in Lk 16, 19ff sich weitere Gedankenanstöße holen.

Uwe Brinkmann

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