Berichte vom 1. Durchgang
"Meine feministischen Gedanken waren also gar nicht so abwegig!"
Mit dem ersten Studienbuch zu dem Thema "Was ist Feministische Theologie?", jeder Menge Fragen und verwirrenden Fremdwörtern wie "exploitative Hermeneutik" im Gepäck, machten sich am 18. Januar 2008 die 35 Teilnehmerinnen des Fernstudiums auf ins Lutherheim Springe. Drei Tage lang beschäftigten sie sich dort, zusammen mit Mitarbeiterinnen des Frauenwerks Hannover, mit Grundbegriffen und verschiedenen Kontexten der feministischen Theologie.
Eine Einstimmung in das Thema geschah durch eine Klangcollage mit Begriffen, die den Teilnehmerinnen aus der ersten Studieneinheit besonders im Gedächtnis geblieben waren. "Affidamento", "Womanistische Theologie" und "Gynozentrik" erschallten im Raum, dann angereichert durch verschiedene Gesten der Frauen, die den Begriffen mehr Ausdruck verschafften.
In Kleingruppen wurden die Entdeckungen und Herausforderungen der ersten zurückliegenden Studieneinheit besprochen. So bemerkte eine Frau: "Meine feministischen Gedanken waren also gar nicht abwegig, da gibt es sogar wissenschaftliche Arbeiten dazu!" Aufgewühlt zeigten sich einige von der These der Mittäterinschaft, derzufolge Frauen selbst durch ihr Verhalten patriarchale Strukturen aufrechterhalten. Auch antijudaistische
Tendenzen in der Feministischen Theologie während der 80er Jahre waren vielen Teilnehmerinnen neu. Am späteren Abend wurde dann das Geheimnis um einen Schraubenzieher gelüftet, den alle Frauen hatten mitbringen sollen: Unter dem Programmpunkt "Bier und Bänke" konnten Gebetsbänke gebaut werden, die gleich beim Morgengebet am Samstag zum Einsatz kamen. Das Bier diente dabei der durch den Holzstaub durstig gewordenen Kehle.
Höhepunkt des Wochenendes war die Begegnung mit der für den Samstag eingeladenen Referentin Dr. Klara Butting, Privatdozentin für Altes Testament. Sie referierte über die Fragestellung, inwiefern die Bibel mit ihren teilweise sehr fremden, gewalthaltigen Texten für Frauen überhaupt noch befreiend sein kann.
Sie plädierte dabei für eine Interpretationsbewegung zwischen "Vertrauen und Kritik". Das "Vertrauen" beziehe sich darauf, dass eine Begegnung mit dem Heil schaffenden Wort Gottes durch die biblischen Texte hindurch möglich ist, auch wenn diese in Formen überliefert sind, die Frauen unsichtbar machen und unterdrücken. Die "Kritik" ziele dabei auf androzentrische bzw. generell Menschen bedrückende und einengende Formen und Inhalte der Überlieferung. Dabei betonte Dr. Butting allerdings das Recht sperriger und unbequemer Texte, die in unterschiedlichen Lebenskontexten dennoch befreiende Wirkungen haben können.
Dr. Butting veranschaulichte diese Leseweise an der so genannten "Bindung Isaaks" aus 1. Mose 22 – die in der christlichen Tradition unter der missverständlichen Überschrift "Die Opferung Isaaks", weitergegeben wird. Die klassische feministische Perspektive wäre hier, zu fragen, wo eigentlich Sara in der Geschichte vorkommt und was für ein grausames Gottesbild hier dargestellt wird. Doch die Referentin zeigte auf, wie dieser problematische Text dennoch in einer für sie persönlich schwierigen Situation zu einem befreienden Text werden konnte: "Gott ruft uns in die Auseinandersetzung mit Konfliktsituationen, um diesen nicht auszuweichen, sondern die Prioritäten neu zu ordnen." Und sie schlussfolgerte: "Nachdem Gott den Verdacht zurückgewiesen hat, dass er unsere Lebensperspektiven zerstören würde, wird sein Anspruch – Geh, gib mir deine Zukunft – aufrechterhalten."
Nach diesem von vielen als sehr bereichernd empfundenen Vortrag gab es für den Abend verschiedene Angebote. Für besonders Motivierte bot Anne Rieck noch spontan einen Vortrag über den Gebrauch des Gottesnamens an. Wer sich hingegen eher entspannen wollte, konnte dies beim Abendgebet mit Tanz oder dem Spielfilm "Antonias Welt" tun.
Am Sonntag wurde in einer Gottesdienstwerkstatt in Kleingruppen ein Gottesdienst vorbereitet und anschließend gefeiert, bevor sich alle Teilnehmerinnen auf den Weg nach Hause machten. Nicht jedoch ohne das neue Studienbuch im Gepäck zu haben! Bis zum nächsten Direktkurs im April werden sich dann die Frauen mit der Gotteslehre beschäftigen.
"Bitte nicht stören: Ich studiere!"
Dieses Türschild wird seit dem 10. November nun des Öfteren an 30 verschiedenen Türenklinken im Raum der hannoverschen Landeskirche hängen. Fünf weitere Türen davon befinden sich in Mecklenburg-Vorpommern, denn von 35 Plätzen für das Fernstudium "Feministische Theologie" sind fünf an Frauen aus der benachbarten Landeskirche vergeben worden. Das Fernstudium wird erstmalig vom Frauenwerk der Landeskirche Hannovers angeboten und entfaltet zentrale Themen der Theologie aus der Perspektive und vor dem Erfahrungshintergrund von Frauen.
An dem Novembertag begann in Hannover für die Teilnehmerinnen der erste Studientag, der dem gegenseitigen Kennen lernen und einer ersten Begegnung mit Themen der Feministischen Theologie diente.
Schon beim Eintritt in das Foyer des Hauses kirchlicher Dienste wehte den, z. T. von Nord- und Ostsee weit angereisten Frauen der Duft von kandierten Walnüssen und mit Käse gefüllten Datteln entgegen. Zimbelklänge eröffneten die Andacht, die Franziska Müller-Rosenau, Leiterin des Frauenwerkes, hielt. Durch ein erstes Kennlernspiel kam Bewegung in den großen Stuhlkreis.
Dann ging es los: große bunte Papierkreise wurden ausgelegt, die im wörtlichen Sinn Standpunkte zu den Themen der Studieneinheiten wie z. B. Bibel, Ethik, Jesus oder Spiritualität waren. Die Teilnehmerinnen schrieben ihre Fragen auf, für die sie Antworten im Laufe ihres Studiums erhoffen. So wurde auf einem Kreis formuliert: "Wie kann Gott HERR-schaftsfrei gedacht werden? Auf einem blauem Papier stand: "Was ist der Unterschied zwischen einer christlichen und einer allgemein humanistischen Ethik?". Auch Wünsche landeten auf dem Steinboden: "Ich möchte neue spirituelle Formen finden, die nah an der Seele sind".
Höhepunkt der Veranstaltung war die feierliche Übergabe der ersten Studieneinheit, ein 160 Seiten langes Heft zum Thema "Was ist feministische Theologie?". Mit roten Schleifen verziert und unter den Klängen von Händels "Einzug der Königin von Saba" zogen die neun Tutorinnen in das Foyer ein. Sie überreichten den in sechs Regionalgruppen aufgeteilten Frauen die bis zum ersten Seminarwochenende im Januar zu lesenden Texte. Die Tutorinnen, ehrenamtliche und hauptberufliche Mitarbeiterinnen des Frauenwerkes, werden die Studierenden in ihrer Region begleiten und in regelmäßigen Tutoriumstreffen den Austausch und die Diskussion des Erlernten moderieren. Mit kleinen symbolischen Geschenken stimmten sie die Teilnehmenden auf das Fernstudium ein.
Motiviert und angeregt machten sich die neuen Studentinnen am späten Nachmittag wieder auf die Heimreise. Dort wird nun für die nächsten anderthalb Jahre an den Studierstuben das Türschild "Bitte nicht stören" gelegentlich baumeln, manchmal auch in der rückseitigen Version: "Zu guter Letzt, meine Schülerin, lass dich warnen: Das viele Büchermachen findet kein Ende, und viel Studieren ermüdet den Leib." (Kohelet 12,12)
(Christine Schröder)




Seitenanfang