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Hermann Federmann (18.03.1930 - 27.09.1940)

Stolperstein am Haus kirchlicher Dienste

Am nordöstlichen Ende der Wagenerstraße, vor dem Durchgang zur Archivstraße, ist ein Stolperstein für Hermann Federmann in den Boden des Fußgängerweges eingelassen. Stolpersteine erinnern an das Schicksal von Menschen, die im Nationalsozialismus vertrieben, deportiert, in den Suizid getrieben oder ermordet wurden. Sie befinden sich an Orten, wo die Opfer ihren letzten frei gewählten Wohnort hatten. Auf dem Gelände, auf dem heute das Haus kirchlicher Dienste steht, wohnte Hermann Federmann bis 1937.

Hermann Federmann wurde am 18. März 1930 als ältester Sohn von Abraham Federmann (geb. 17.02.1899) aus Radomsko/Polen, von Beruf Schneider, und Charlotte Federmann, geborene Silberberg (geb. 04.01.1908) aus Hannover geboren. Am 21. Oktober 1935 kam sein Bruder Rafael zur Welt. Die Familie wohnte in der Wagenerstraße 1 in der Calenberger Neustadt, nur wenige Schritte von der Synagoge der jüdischen Gemeinde entfernt, zu der sie gehörten.
Hermann Federmann war nicht gesund, er litt an Epilepsie und war geistig behindert. Bereits im Alter von zwei Jahren kam er erstmals in die Nervenklinik Langenhagen.
Die Federmanns gehörten zu denen, die sich früh darauf vorbereiteten, Deutschland zu verlassen. Doch die Pflegebedürftigkeit Hermanns und seine Versorgung dürften zunächst ein Grund zum Bleiben gewesen sein. Die Ausreise in ein fremdes Land mit einem behinderten Kind konnten die Eltern nicht riskieren. Schließlich brachten sie Hermann in der Nervenklinik Langenhagen stationär unter, in der Hoffnung, dass er dort gut aufgehoben sei. Am 28. Juli 1937 emigrierten die Eltern mit Rafael nach Argentinien. Sie mussten Hermann im Nazi-Deutschland zurücklassen, als er sieben Jahre alt war.
Kurz nach seinem achten Geburtstag, am 22.03.1938, kam Hermann in die v. Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel, Gemeinde Gadderbaum, im Kreis Bielefeld und wurde dort im Haus Patmos untergebracht. Ansprechpartner der Anstalt von Seiten der Familie war zunächst ein noch in Hannover lebender Onkel. Später wurde dann ein Angehöriger der jüdischen Gemeinde, Josef Meyer aus Bielefeld, Hermanns Vormund. Ab 1940 finanzierte die Fürsorgeabteilung der Synagogen-Gemeinde Hannover die Unterbringung.
Das einzige erhaltene Foto von Hermann Federmann stammt aus einem amtlichen Dokument der Ortspolizeibehörde Gadderbaum. Von oben herab aufgenommen, zeigt das Foto ebenso wie die Formulierung der Beamten eine Geringschätzung des Kindes, das als „völlig verblödet“ herabgewürdigt wird (siehe Abbildung unten). Auch die Ausdrucksweise des Formulars spiegelt – z.B. durch die Bezeichnung „schwächlich“ zur Beschreibung der Gestalt – eine menschenverachtende Grundhaltung wider.

Hermann Federmann: Kopie des amtlichen Dokuments der Ortspolizeibehörde Gadderbaum


Anfang September erhielt die Anstaltsleitung in Bethel einen Erlass des Reichsministers des Innern, demzufolge alle psychisch Kranken jüdischer Abstammung in eine Sammelanstalt gebracht werden sollten. Dieser Erlass war Bestandteil einer ab Sommer 1940 durchgeführten Aktion mit dem Ziel der Ermordung von Menschen mit Behinderung, dem sogenannten Euthanasie-Programm. Acht Betroffene, darunter Hermann Federmann, kamen am 21. September 1940 in die Landes-Pflegeanstalt Wunstorf. Von dort wurde Hermann eine Woche später, am 27. September, mit 157 weiteren psychisch Kranken jüdischer Abstammung aus ganz Norddeutschland in die Landes-Pflegeanstalt Brandenburg an der Havel deportiert. Der Name Landes-Pflegeanstalt verschleiert, was dort geschah: Bis zum Oktober 1940 wurden dort mehr als 9.000 psychisch Kranke und geistig Behinderte aus Nord- und Mitteldeutschland in der Gaskammer ermordet.
Hermann Federmann wurde in der Landes-Pflegeanstalt Brandenburg an der Havel noch am Tag seiner Ankunft, am 27. September 1940, im Alter von nur zehn Jahren ermordet. Der Stolperstein erinnert an das Leid, das ihm zugefügt wurde, und an seine Ermordung.

Literatur:
- Schulze, Peter: Beiträge zur Geschichte der Juden in Hannover, Hannover 1998.
- Klee, Ernst: „Euthanasie“ im NS-Staat. Die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“, Frankfurt am Main 1983.
- Ley, Astrid/Hinz-Wessels, Annette (Hrsg.): Die Euthanasie-Anstalt Brandenburg an der Havel. Morde an Kranken und Behinderten im Nationalsozialismus, Berlin 2012 [Engl.: The "Euthanasia Institution" of Brandenburg an der Havel. Murder of the ill and handicapped during National Socialism].
- Stockhecke, Kerstin: September 1940: Die „Euthanasie“ und die jüdischen Patienten in den von Bodelschwinghschen Anstalten Bethel, in: Brack, Claudia/Burkhardt, Johannes/Günther, Wolfgang/Murken, Jens (Hrsg.): Kirchenarchiv mit Zukunft. Festschrift für Bernd Hey zum 65. Geburtstag, Bielefeld 2007, S. 131-142.
 

Der Stolperstein für Hermann Federmann wurde am 07.10.2011 verlegt von:
Landeshauptstadt Hannover, Fachbereich Bildung und Qualifizierung, Projekt Erinnerungskultur,
erinnerungskultur@hannover-stadt.de.