Foto: HkD

Arzt, Natur, Internet – was das Dorf zukunftsfähig macht

Nachricht 11. Juli 2018

Die meisten Kinder hatten eine klare Meinung: Die Kirche im Dorf, die ist wichtig. Dazu Natur, Ruhe und Internet. Ihre Eltern und Großeltern reagierten differenzierter an der Meinungsorgel, die Mitarbeitende des Hauses kirchlicher Dienste (HkD) während der Tarmstedter Ausstellung vom 6. bis 9. Juli am Kirchenstand aufgebaut hatten, um mit den Besuchern und Besucherinnen ins Gespräch zu kommen.

„Kirche, ne, brauchen wir nicht, bringt uns nicht voran.“ „Stabiles Internet, das wäre super, dann muss ich nicht mehr stundenlang warten, bis ich meine Grafiken zum Auftraggeber nach Hamburg schicken kann.“ „Natur und attraktive Arbeitgeber? Das geht nicht zusammen, neue Arbeitgeber zerstören doch eher die Natur.“ „Arzt? Den haben wir schon, aber so ein Gesundheitszentrum wäre toll, dann müssen wir nicht mehr von Hinz nach Kunz fahren.“

Vier Meinungen aus der großen Zahl derer, die am Stand stehen blieben und mitmachten. Acht Auswahlmöglichkeiten gab es auf die Frage zu antworten: Was macht den ländlichen Raum zukunftsfähig? Jede/r bekam drei kleine rote Bälle und durfte abstimmen. Vier Säulen lagen schnell und dauerhaft vorn: Ärztliche Versorgung, Natur, stabiles Internet und Kinderbetreuung. Die Kirche im Dorf, attraktive Arbeitgeber, Mitspracherechte sowie Ruhe und Platz fielen dagegen ab.

Spannende Gespräche

Spannender als das Meinungsbild waren aber die Gespräche. Der ländliche Raum, die Dörfer und kleinen Ortschaften, die Regionen sind sehr unterschiedlich aufgestellt. „In unserem Dorf haben wir das alles schon“, sagte eine Besucherin und erzählte begeistert von dem breiten Engagement in ihrem Ort.

„Man vergisst uns immer mehr, die Apotheke ist schon lange weg, der Bus fährt nur noch einmal am Tag und der Arzt geht auch demnächst“, dieser Tenor zog sich durch viele Begegnungen. Und es gab auch die Sorge, was mit einem Ort geschieht, wenn die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr Bremens dazu führt, dass immer mehr Menschen zu ziehen und sich das vertraute Leben verändert.

Jugendliche zwischen 10 und 17 platzierten ihre Bälle fast immer beim „stabilen Internet“. Nicht wirklich überraschend. Nachdenklich hingegen machten die Reaktionen mancher Eltern. „Ja, ja, das war klar!“, „Da weiß ich doch schon, wie du deine Bälle verteilst“ Die jungen Leute befanden sich schnell in einem Rechtfertigungsdruck, manche entschieden sich auch um. Eigene Meinung, Mitspracherechte in der Familie, offenbar ein Thema. Ein Vater kommentierte in einem Gespräch so: „In meiner Familie gibt es keine Demokratie!“ Er grinste dabei, signalisierte: Ich meine  das doch gar nicht ernst, na ja, eigentlich doch …

„Aber da fehlen doch noch Antwortmöglichkeiten!“ Diese Reaktion war immer wieder der Einstieg zu besonders spannenden Gesprächen. Nahverkehr, Infrastruktur, Vereine, Platz für Neubaugebiete, diese Säulen wurden häufig vermisst. Und wir lernten, dass es manchmal mit den fehlenden Bauplätzen auch daran liegt, dass landwirtschaftliche Betriebe Flächen zurückhalten, weil sie diese für ihre Gülle dringend benötigen.

Kirche im Dorf auf letztem Platz

Die Kirche im Dorf kam abgeschlagen auf den letzten Platz. „Da müsst ihr euch aber jetzt Sorgen machen“, meinten auch etliche Passanten. Das war die freundliche Variante, die kritische lautete: „Die Kirche kümmert sich ja auch nur um ihren Kirchturm, das Leben der Menschen ist ihr doch völlig egal!“ Aber es gab auch andere Stimmen, die sich wunderten, weil die Kirchengemeinde und die Pfarrer/in sich aktiv um das Dorfleben bemühen. Trotzdem machte uns das Ergebnis nachdenklich. Eine Antwort könnte auch lauten: Kirche ist immer schon da, man erwartet von ihr Kontinuität und weniger Beiträge zur Lösung der drängenden Zukunftsfragen.

Vier Tage, unzählige Begegnungen. „Was macht ihr denn mit den Ergebnissen? Wie wertet ihr das aus? Denn das ist doch eine hochspannende und wichtige Frage, die ihr hier stellt, danke dafür!“ Das war die Frage, die uns am häufigsten gestellt wurde. Eine kleine Antwort geben wir mit diesem Bericht. Aber die Eindrücke aus den vielen, sehr differenzierten und ernsten Gesprächen, die nehmen wir mit und sie werden uns weiterbegleiten und einfließen in unsere Arbeit.

Der Kirchenstand auf der Tarmstedter Ausstellung wurde in diesem Jahr vom Haus kirchlicher Dienste konzipiert und erstellt. Standdienst übernahmen: Hans-Christian Brandy, Landessuperintendent in Stade, Ralf Tyra, Direktor des HkD, Landwirtschaftspastorin Ricarda Rabe, Landessozialpfarrer Matthias Jung, Laura Rinderspacher, Referentin im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt,sowie Mitarbeitende der Freizeit- und Begegnungsstätte Oese. Simone Ernst und Stefan Riepe vom Veranstaltungsmanagement im Haus kirchlicher Dienste zeichneten für das Standkonzept und den reibungslosen Auf- und Abbau verantwortlich.

Text: Landessozialpfarrer Dr. Matthias Jung