„Wie eine Weltreise, auf der du deinen Horizont erweiterst“

Nachricht 28. November 2017

Als Mechatronikerin bei der Tafel

Auszubildende wechselten mit „Aspect Change“ für eine Woche in soziale Berufe

Elena, bei Sartorius in Göttingen Mechatronikerin im zweiten Ausbildungsjahr, gewann für eine Woche neue Perspektiven durch Mitarbeit bei der Tafel Göttingen e.V., hier bei der Lebensmittel-Ausgabe. Die Praxiswoche für Azubis wurde organisiert vom Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (kda) in Südniedersachsen. Foto: Stephan Eimterbäumer / kda

Wirtschaft und soziale Einrichtungen haben in unserer Gesellschaft in der Regel recht wenige Berührungspunkte. Zumindest gilt das für all diejenigen, die in einem dieser Bereiche arbeiten. Das Projekt „Aspect Change“ vom Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (kda) der Hannoverschen Landeskirche möchte das ändern und ermöglicht Auszubildenden den Blick über den Tellerrand in Jobs bei der Bahnhofsmission, in Werkstätten für Menschen mit Behinderungen oder als Straßensozialarbeiter. Nach einer Projektwoche präsentierten am Freitag, 24. November bei Sartorius in Göttingen sechs Ausbildende des Unternehmens und eine weitere des Kirchenkreisamtes ihre Erfahrungen, die sie vom 20. bis 23. Oktober in sozialen Einrichtungen im Raum Göttingen gemacht haben.

„Man lernt, Menschen mit anderen Augen zu sehen und seine eigene Lebenssituation viel mehr zu schätzen“, sagt beispielsweise Elena, eine derjenigen, die in diesem Jahr an dem Projekt teilnahmen. Sie selbst macht eine Ausbildung zur Mechatronikerin bei Sartorius in Göttingen und entschied sich dafür, eine Woche lang bei der Tafel zu arbeiten. Der gemeinnützige Verein gibt zweimal täglich an mehreren Stellen in der Stadt Lebensmittel an jene aus, die sie sich sonst nur schwer leisten können.

Absolvierten eine Praxiswoche in der Diakonie: Auszubildende von Sartorius und aus dem Kirchenkreisamt Göttingen-Münden. Organisiert wurde sie unter dem Titel „Aspect Change“ von den Referenten des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt (kda) Stephan Eimterbäumer und Peter Greulich (4. und 3. von rechts); rechts im Bild Sartorius-Ausbildungsleiterin Brigitte Wilhelm-Nienaber. Foto: kda

Dass das in einer Stadt wie Göttingen so viele sind, fand Elena erschreckend, ebenso, wie schwer es manchmal ist, überhaupt an die Lebensmittel zu kommen. Mitunter gibt es auch Neid unter den Empfängern, wenn die Regale in der Ausgabestelle leerer werden. Eine ähnliche Erfahrung machte Niklas, im normalen Leben Auszubildender als Elektroniker, in dieser besonderen Praxiswoche bei der Inneren Mission im Grenzdurchgangslager in Friedland tätig. Dort gab er Kleidung an nach Deutschland kommende Spätaussiedler aus und war irritiert, dass manche diese Geschenke als selbstverständlich hinzunehmen schienen.

Allerdings mag das auch viel mit Scham oder Verbitterung zu tun haben. „Ich habe mich dann immer gefragt, wie ich mich wohl verhalten würde, wenn ich jetzt in Russland oder so in einer ähnlichen Situation wäre.“ Letztlich waren solche Reaktionen aber die Ausnahme, denn vor allem bekamen er und die anderen Auszubildenden die große Dankbarkeit der Menschen zu spüren, mit denen sie zu tun hatten. Anders als in ihrem Job als Kauffrau für Büromanagement, dual Studierende oder Verwaltungsfachangestellte im Kirchenkreisamt kamen sie Menschen sehr nah, die Hilfe brauchten und die ihre Dankbarkeit für all die sozialen Dienstleistungen sehr deutlich zeigten.

Nicht selten war es Freude über Kleinigkeiten, die den Teilnehmern bewusst machte, wie unterschiedlich Lebenswege auch in unserer Gesellschaft verlaufen können. So eine Weitung des Blickwinkels ist der Sinn von „Aspect Change“, erläutert Pastor Stephan Eimterbäumer vom kda, der mit seinem Kollegen Peter Greulich die Praxiswoche organisiert hat. Das war der vierte  Durchgang in Göttingen in Zusammenarbeit mit Sartorius; in Northeim organisierte der kda das Projekt „Aspect Change“ bei ContiTech bereits zum siebten Mal. Eimterbäumer erläutert: „Die Azubis melden sich freiwillig. Sie machen intensive Erfahrungen und wachsen in ihrer Persönlichkeit.“

Die kaufmännischen Auszubildenden Carolin, Nicole und Julia (von links) legen letzte Hand an bei ihrer Präsentation über ihre Erfahrungen in sozialen Einrichtungen. Foto: kda

„Es macht glücklich, helfen zu können“, zieht auch Sahand Bilanz, der eine Woche lang bei der Bahnhofsmission Menschen mit Essen oder einfach nur einem warmen Kaffee versorgte oder auch nur mal anbot, jemandem zuzuhören. Dafür, dass nicht jeder über sein Schicksal reden wollte, hat er natürlich Verständnis; aber allein zu sehen, wie er für den einen oder die andere den Kontakt zu einer sozialen Einrichtung herstellen konnte, gab ihm ein gutes Gefühl.

Für seine Ausbildung als Mechatroniker nütze ihm das Praktikum vielleicht nicht direkt, für seine Persönlichkeit und seinen Blick auf andere allerdings schon, stellte er fest. „Es bringt dich im Leben ein Stück weiter“, sagt er, „Im Grunde ist es wie eine Weltreise, auf der du deinen Horizont erweiterst.“

Nach einem Auswertungs-Workshop, der vom kda moderiert wurde, präsentierten die Azubis ihre Erfahrungen vor Vertretern aus dem Unternehmen Sartorius, den beteiligten sozialen Einrichtungen und dem Kirchenkreis Göttingen. Foto: kda

Und auch die nächste Reise steht für ihn schon fest. Nachdem er und die anderen am Freitag bei Sartorius in großer Runde ihre Erfahrungen präsentierten und dabei alle ausgesprochen positiv über diesen Blick über den Tellerrand sprachen, steht für ihn fest: schon am Montag wird er wieder bei der Bahnhofsmission arbeiten. Dann ehrenamtlich und einfach, weil er noch einmal mehr erfahren hat, wie wichtig all diese Tätigkeiten sind.  Text: kda

Weitere Informationen und Ansprechpartner

Stephan Eimterbäumer und Peter Greulich sind im Haus kirchlicher Dienste (HkD) Referenten des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt (kda) im südlichen Niedersachsen im Sprengel Hildesheim-Göttingen. Der kda ist ein Fachdienst der Landeskirche, der eine Brücke schlägt zwischen Kirche und Wirtschaft. Das Programm „Aspect Change“ wird mit Unternehmen als Inhouse-Fortbildung für Auszubildende durchgeführt.

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Peter Greulich
Tel.: 0511 1241-602