Vom Verlust zur Versöhnung in Vielfalt

Nachricht 16. März 2017
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Der evangelische Landesbischof  Dr. Karl-Hinrich Manzke (Schaumburg-Lippe) (2. von links) und der katholische Bischof Dr. Gerhard Feige (Magdeburg) (3. von links) plädierten dafür, die Verletzungen der Vergangenheit zu bearbeiten und Versöhnung zu leben. Ihr Gespräch wurde moderiert von Woldemar Flake, Ökumene-Referent im Haus kirchlicher Dienste (links) und Dr. Dagmar Stoltmann-Lukas, Ökumene-Referentin und Leiterin der "Diözesanstelle für Ökumene" (rechts). Foto: Volker Bauerfeld/bph

Versöhnung stand beim Ökumenischen Studientag am 11. März im Vordergrund. Eingeladen von der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers und dem Bistum Hildesheim trafen sich rund 220 Teilnehmer und führende Vertreter beider Kirchen im Bischöflichen Gymnasium Josephinum und widmeten sich dem gemeinsamen Papier „Erinnerung heilen – Jesus Christus bezeugen“, mit dem die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) anlässlich des Reformationsjubiläums einen Prozess der Heilung der Erinnerungen angestoßen haben.

Es war ein Tag voller Bekennen, Aussprache und Zuversicht. Zu Gast waren unter anderem der evangelische Theologe Prof. Dr. Michael Beintker aus Münster und Prof. Dr. Thomas Söding aus Bochum, der aus katholischer Sicht über 500 Jahre Reformation sprach. Die Ökumene stand dabei stets im Vordergrund: Beide Theologen waren sich einig, dass der Dialog mit- und untereinander gestärkt und gefördert werden müsse. Das Reformationsjubiläum bedeute nicht, dass sich die Kirche selbst feiere, stattdessen müsse man auf eine Verlustgeschichte von vielen Brüdern und Schwestern schauen. Auch das eigene Schuldbekennen beider Konfessionen wurde diskutiert. „Wir Katholiken müssen uns ebenfalls der Last der Vergangenheit stellen und dem Leiden gedenken“, äußerte sich Söding. Von evangelischer Seite wurde deutlich gemacht, dass nicht allein Luther das 500. Reformationsjahr ausmache, sondern mehr denn je die Heilung der Erinnerung wichtig wäre. Dies könne nur geschehen, wenn man gemeinsam Jesus Christus bezeuge, gemeinsam um Vergebung bitte, gemeinsam an der Ökumene arbeite.

Das gemeinsame Bezeugen hebe die Gemeinsamkeiten hervor und bestärke das Miteinander. „Der konfessionelle Migrationshintergrund ist kein Grund, getrennt zu sein und zu bleiben. Einheit bedeutet eben nicht Einheitlichkeit, sondern Vielfalt“, betonte Beintker. Unterschiede seien wichtig und gut, man akzeptiere sie und sehe sie nicht als Graben, der von der anderen Konfession trenne. Verschiedenheit sei vielmehr ein Reichtum, wenn sie in den Gemeinsamkeiten wahrgenommen werden würde. Beintker und Söding resümierten zum Ende des Podiumsgesprächs: „Die Einheit, die wir vor uns sehen, ist eine Einheit, in der wir in Jesus Christus schon sind.“

Der evangelisch-lutherische Landesbischof Dr. Karl-Hinrich Manzke (Schaumburg-Lippe) und der katholische Bischof Dr. Gerhard Feige (Magdeburg) waren ebenfalls zu Gast und bekräftigten die gemeinsame Aufarbeitung der Reformationsgeschichte. Verletzungen aufzuarbeiten sei wichtig, der Vergangenheit müsse man sich stellen. Umso schöner sei die gelebte Versöhnung mit Brüdern und Schwestern unter anderem durch ökumenische Gottesdienste.

Gesprächsrunden boten den Teilnehmenden die Möglichkeit, über Erfahrungen mit den Reformationsnebenwirkungen zu sprechen. Verletzungen, die die jeweils andere Konfession im Laufe des Lebens möglicherweise zugefügt hatte, wurden offen diskutiert. Es wurde deutlich, dass Vergebung mehr wert sei als sture nachtragende Verachtung. „Die Konfession ist nicht von Bedeutung, was verbindet, ist doch der Glaube!“, meint eine Teilnehmende und bekommt von allen Gesprächspartnern große Zustimmung. Auch offene Fragen wurden von den eingeladenen Referenten im Plenum beantwortet.

Den Abschluss des Tages bot der ökumenische Buß- und Versöhnungsgottesdienst, der von der St.-Michaelis-Kirche in die St.-Andreas-Kirche übertragen und vom ARD ausgestrahlt wurde. Zu Gast waren neben Bundespräsident Joachim Gauck und Bundestagspräsident Norbert Lammert auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil. Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm, Vorsitzender des Rates der EKD und Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der DBK, zeigten in Wort und Geste, wie leicht Ökumene sein kann und plädierten für bedingungslose Geschwisterlichkeit.

Höhepunkt des Gottesdienstes war das Aufrichten eines 200 Kilogramm schweren Doppelkreuzes, was die ökumenische Geschwisterlichkeit symbolisch zum Ausdruck brachte.

Text: Mareike Schmidt