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13. März 2017

Nachricht

Jüdische Tradition nicht vereinnahmen

Netzwerk „Christlich-jüdischer Dialog in Niedersachsen“ fragt nach den Bedingungen für den Dialog

Edith Petschnigg (von links), Maik Schwarz und die Rabbiner Gábor Lengyel sowie Dimitrius Berger diskutieren mit Rabbinerin Ulrike Offenberg. Foto: Stefan Heinze

Die Voraussetzungen für das Gelingen des interreligiösen Gesprächs waren am Mittwoch Thema des Netzwerkes Christlich-jüdischer Dialog in Niedersachsen. Auf dem Jahrestreffen des Netzwerkes in Hannover diskutierten rund 20 Aktive des Dialogs von der Rabbinerin über den Pastor bis hin zur Ehrenamtlichen zudem aktuelle Erklärungen zum Verhältnis von Kirche und Judentum.

Die Gastreferentin MMag. Dr. Edith Petschnigg von der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems berichtete von ihrer Untersuchung vier verschiedener Dialoginitiativen von der Jüdisch-christlichen Bibelwoche Bendorf/Georgsmarienhütte bis hin zur Christlich-jüdischen Sommeruniversität Berlin. Eine entscheidende Voraussetzung für das Gelingen des Dialoges ist demnach, solche Initiativen von Grund auf dialogisch anzulegen, also gemeinsam mit dem Dialogpartner zu planen und durchzuführen. Hinzu kommen gleich mehrere individuelle Voraussetzungen der Dialogpartner wie zum Beispiel das Wissen über die eigene Tradition und die des Gegenübers sowie den Respekt davor. Auch die Akzeptanz der Differenzen gehört zum Gelingen unabdingbar dazu.

Entscheidend ist außerdem, dass die Veranstaltungen sich nicht zu christlichen Treffen mit Fortbildungen über die jüdische Religion und das Judentum entwickeln. Ein auch von anderen Initiativen bekanntes Problem birgt die Abhängigkeit von zu dominanten Gründungs- und Leitungspersonen. Nach deren Ausstieg aus dem Projekt kann der Fortbestand der Dialoginitiative in Frage stehen.

Kritik gab es bei dem Treffen an der jüngsten Erklärung der EKD zum Verhältnis von Kirche und Judentum. Das Papier mit dem Titel „... der Treue hält ewiglich.“ (Psalm 146.6) – Eine Erklärung zu Christen und Juden als Zeugen der Treue Gottes. Rabbiner Gábor Lengyel von der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover hätte sich eine deutlichere Absage wie zum Beispiel mit den klaren Worten „Wir sind gegen Judenmission“ gewünscht.

Kritisch diskutiert wurde auch die vatikanische Erklärung „Denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt“ von 2015 in der die theologischen Fragestellungen in den katholisch-jüdischen Beziehungen reflektiert werden. Hier stieß die Aussage der Heilsuniversalität Christi bei manchen Teilnehmenden auf Widerspruch.
Darüber hinaus zeigte das Treffen, dass Christinnen und Christen im Dialog mit Jüdinnen und Juden auch weiterhin darauf achten müssen, die jüdische Tradition nicht für sich zu vereinnahmen. Die Rede von „Christus als lebendiger Thora“ beispielsweise wurde von der Hamelner Rabbinerin Ulrike Offenberg so empfunden. Von jüdischer Seite brachte Lengyel die Abgrenzung pointiert auf den Punkt. „Wir Juden haben mit dem Jesus nichts zu tun“, sagte der Rabbiner.

Katrin Großmann, Beauftragte für den interreligiösen Dialog im Bistum Osnabrück, betonte schließlich die Veränderungen im Dialog durch den zunehmenden zeitlichen Abstand zur Shoa. Erinnerung gehöre zum Dialog dazu, betonte sie. Für jüngere Generationen gehe es jedoch mehr um „das Gestalten der Beziehung in der Gegenwart“. Das jedoch stößt in vielen Städten und Gemeinden auf Grenzen, da – bedingt durch die Shoa – meist nur wenige Jüdinnen und Juden vor Ort leben. „Ihr seid das Sprachrohr des Judentums in Deutschland“, sagte Lengyel daher sogar.

Das nächste Treffen des Netzwerkes ist für 2018 in Planung. Die Dialoginitiative geht aus vom Arbeitsfeld Kirche und Judentum des Hauses kirchlicher Dienste der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers.

Stefan Heinze

 

Verfassungsänderung: Broschüre Kon-Texte fördert Dialog mit der Tradition

Ursula Runick, Beauftragte für Kiche und Judentum im Haus kirchlicher Dienste, informiert über ein Projekt des Arbeitsfeldes. Links daneben ist Daniela Koeppler, Referentin des Arbeitsfeldes, zu sehen. Foto: Stefan Heinze

Identität des Judentums respektieren und schätzen

Mit ihrer Verfassungsänderung im Jahr 2013 hat die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers ihr Verhältnis zum Judentum neu bestimmt. Die beim Treffen des Netzwerkes Christlich-jüdischer Dialog in Niedersachsen vorgestellte Broschüre Kon-Texte stellt die Änderung in den Dialog mit der theologischen und kirchlichen Tradition, sie führt hin zu einem neuen Nachdenken über die Beziehung zum Judentum und will so eine verfassungsgemäße kirchliche Praxis voranbringen.

Landesbischof Ralf Meister schreibt in seiner Einführung: „Anders als in früheren Zeiten hat die Kirche (haben wir Christinnen und Christen) erkannt, dass es falsch, ja verwerflich – und auch nicht notwendig – ist, die eigene Identität auf Kosten des Judentums zu profilieren. ... Es ist möglich, eine christliche Theologie im Angesicht Israels zu formulieren, die das Eigene profiliert zum Ausdruck bringt und gleichzeitig die Identität Israels respektiert und schätzt.“

Die Broschüre nimmt die einzelnen Aussagen der Verfassungsänderung und bringt sie in einen Zusammenhang mit biblischen Texten sowie der kirchlichen Tradition, jüdischen Stimmen und Einsichten der Theologie des christlich-jüdischen Gesprächs. Offene Fragen am Ende der jeweiligen Abschnitte laden zur Reflexion ein. Die Kon-Texte helfen zur eigenen Meinungsbildung und kann Grundlage für die Bildungsarbeit in Gemeinden, kirchlichen Institutionen und auch Schulklassen sein.

Einzelexemplare der Broschüre sind ab sofort kostenfrei im Materialversand des Hauses kirchlicher Dienste unter www.hkd-material.de, Suchwort „Kon-Texte“. Die Broschüre als pdf zum Download ist zu finden unter: www.kirchliche-dienste.de/judentum/Kon-Texte . Zur Broschüre gibt es außerdem eine Roll-up-Ausstellung. Eine interaktive Version für das Internet ist in Planung. sh

Das Netzwerk

Edith Petschnigg, Kirchliche Pädagogische Hochschule Wien/Krems, Referentin des Netzwerktreffens. Foto: Stefan Heinze

Gelegenheit zur Begegnung

Dialogpartner und -partnerinnen treffen, sich vernetzen und so den Austausch von Kirche und Judentum voranbringen, das geschieht – kurz gesagt – im ökumenisch ausgerichteten Netzwerk „Christlich-jüdischer Dialog in Niedersachsen“. Die Mitglieder begegnen sich ein Mal pro Jahr bei einem Netzwerktreffen, einer eintägigen Veranstaltung mit Vorträgen und Diskussionen zu aktuellen Fragen des Dialogs. Dann geht es zum Beispiel um den Stellenwert der hebräischen Bibel in den christlichen Kirchen, den heutigen Auswirkungen des antisemitischen Denkens Martin Luthers bis hin zu Erläuterungen zu aktuellen Erklärungen zum Dialog von jüdischer und von christlicher Seite.
Zwischen den Treffen informiert das Netzwerk etwa sechs Mal im Jahr mit einem Newsletter über maßgebliche Entwicklungen, lohnenswerte Angebote, empfehlenswerte Fachliteratur, sehenswerte Ausstellungen und attraktive Veranstaltungen. Die Zahl der Mitglieder des Netzwerkes ist in den ersten zwei Jahren seines Bestehens stetig gewachsen. Derzeit gehören ihm mehr als 150 Mitglieder beider Religionen und verschiedener christlicher Konfessionen vom Rabbiner über andere Funktionsträger bis hin zu Ehrenamtlichen aus den Gemeinden an. Auch Institutionen können beim Netzwerk mitmachen. Die Mitgliedschaft ist kostenlos.
Interessierte finden weitere Informationen unter www.kirchliche-dienste.de/arbeitsfelder/judentum im Internet oder wenden sich direkt an Ursula Rudnick, Telefon (0511) 1241-434, E-Mail rudnick@kirchliche-dienste.de. sh