Vordbilder im christlich-jüdischen Dialog

Nachricht 08. August 2017

Ingrid Willing und Arnulf Baumann sind Vorbilder im christlich-jüdischen Dialog

Karin Haufler-Musiol, Vorsitzende des Vereins Begegnung – Christen und Juden. Niedersaschsen (von links), die Preisträger Ingrid Willing und Arnulf Baumann sowie Landesbischof Ralf Meister nach der Übergabe des Blickwechselpreises. Foto: Stefan Heinze

Verein „Begegnung – Christen und Juden. Niedersachsen“ vergibt Blickwechselpreis 2017

Die Langenhagenerin Jüdin Ingrid Willing und der Wolfsburger Lutheraner Arnulf Baumann wurden am 6. August mit dem Blickwechselpreis 2017 des Vereins Begegnung – Christen und Juden. Niedersachsen ausgezeichnet. Die beiden Preisträger hätten „eine persönliche, authentisch getragene, lebensprägende Verantwortung vorgelebt“, sagte der Schirmherr des Blickwechselpreieses, der Landesbischof der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers, Ralf Meister, in seinem Grußwort. Seit 2016 ist Meister Schirmherr des Preises für langjährigen und innovativen Einsatz im christlich-jüdischen Dialog.

Ingrid Willing. Foto: privat

Ingrid Willing verkörpert den Dialog mit ihrer Person

Willing war vom Arbeitskreis Juden und Christen der evangelisch-reformierten Kirchengemeinde Hannover vorgeschlagen worden. Sie „verkörpere den Dialog mit ihrer ganzen Person“ und habe sich als Vorstandsmitglied der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover „als Brückenbauerin zwischen Religionen und Generationen engagiert“, begründete der Arbeitskreis seinen Vorschlag unter anderem. Christoph Rehbein, Pastor der evangelisch-reformierten Kirchengemeinde Hannover, würdigte Willing in seiner Laudatio als „einen Menschen des Gesprächs“, als „Tochter des Gebotes der Nächstenliebe“, die im Dialog der Religionen nicht künstlich harmonisiere. „Du bist tatsächlich eine Brückenbauerin nach diesem Riss, nach diesem Verbrechen in diesem Lande“, sagte auch Gábor Lengyel, der Senior-Rabbiner der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover mit Bezug auf die Shoa. Willing baue eine Brücke zu den Vertretern der christlichen Religion, sagte Lengyel.

Arnulf Baumann seit den 60er Jahren aktiv

„Arnulf Baumann hat seit den 1960er Jahren über mehrere Jahrzehnte entscheidend zu dem heute in der evangelischen Kirche erreichten Konsens über ein neues Verhältnis zum Judentum beigetragen“, sagte Wolfgang Raupach-Rudnick, ehemals Beauftragter für Kirche und Judentum im Haus kirchlicher Dienste der Landeskirche in seiner Laudatio über den anderen Preisträger. Als Mitglied der Studienkommission der EKD sei er an allen drei EKD-Studien „Christen und Juden“ maßgeblich beteiligt gewesen. Die Studie I von 1975 sei für die EKD ein Meilenstein gewesen. Der Preisträger war zudem lange Zeit Herausgeber und Schriftleiter von „Friede über Israel“ (heute „Begegnungen“) und im Zentralverein für Begegnung von Christen und Juden sowie vielen anderen Organisationen auf verschiedenen Ebenen bis hin zum Ökumenischen Rat der Kirchen und zum Lutherischen Weltbund aktiv.

­­­Beide Preisträger erhielten als Zeichen für den undotierten Preis einen künstlerisch gestalteten Granatapfel – ein Symbol dafür, wie eine Frucht viele neue Früchte hervorbringen kann. Überreicht wurde der Preis vom Landesbischof.

Einen anderen Blick auf das Judentum vermitteln

Die Preisträgerin Ingrid Willing nutzte in ihren Dankesworten die Gelegenheit, für den Dialog der Religionen zu werben. „Meine Aufgabe, in meinem kleinen Rahmen sehe ich darin, einen anderen Blick auf das Judentum zu vermitteln, einen Blickwechsel vor zu nehmen! Das Judentum ist die Wurzel des Baumes auf dem wir alle stehen, die Wurzel unseres Glaubens an den einen Gott. … Wir gehen verschiedene Wege, aber wir haben ein Ziel. Ich kann nicht sagen: Nur mein Weg ist der Richtige und den musst du auch gehen“, sagte die Preisträgerin.

Arnulf Baumann sieht die Veränderungen, die der christlich-jüdische Dialog in den Kirchen bewirkt haben, zugleich aber die aktuellen Herausforderungen des Dialogs: „Wir sind immer noch dabei, Gedanken und Worte zu finden, die das Verhältnis angemessen zur Sprache bringen können. Wir sind immer noch dabei, einander verstehen zu lernen. Wir sind immer noch dabei, Möglichkeiten des Miteinanders zu erkennen und zu praktizieren.“ Daher „ist noch sehr viel zu tun für die nächsten Generationen.“

Blickwechselpreis seit 2007

Rund 80 Besucherinnen und Besucher christlicher, jüdischer, aber auch muslimischer Gemeinden nahmen an der Preisverleihung in der hannoverschen St. Petri-Gemeinde teil, darunter die Präsidentin des Landesverbandes Israelitischer Kultusgemeinden Niedersachsen, Katarina Seidler, der Vorsitzender der Deutsch-israelischen Gesellschaft, Dr. Kay Schweigmann Greve, sowie Vorstandsmitglieder der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit Hannover, Celle und Göttingen sowie Vertreter des Forums Kultur und Religion vom Forum Dialog Niedersachsen.

Der Blickwechselpreis wird seit 2007 verliehen, zunächst zweijährlich, seit 2015 jährlich. Vor Willing und Baumann erhielten ihn Dr. Gábor Lengyel, Rabbiner der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover (2007), Hans-Joachim Schreiber, langjähriger Leiter des theologischen Gesprächskreises in Kooperation mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Hannover (2009), Elke von Meding, engagiert in der Gedenkstättenarbeit und -pädagogik Bergen-Belsen (2011), Bärbel Zimmer, langjährige Leiterin des christlich-jüdischen Gesprächs Hannover-Kleefeld (2013), Rachel Dohme, Vorsitzende der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hameln (2015) und Hans-Georg Spangenberger, Pastoralreferent in Hameln (2016).