Räume schaffen, um miteinander zu reden

Nachricht 07. September 2016
Pastorin Bev Thomas aus Birmingham wies bei einem „Studientag zum rassismuskritischen Lernen“ im HkD darauf hin, wie wichtig Begegnungen und Gespräche für die Überwindung des Rassismus sind. Foto: Susanne Ruge/HkD

„Ich bete darum, dass wir geschützte Räume schaffen, in denen Menschen miteinander reden können“, sagte Pastorin Bev Thomas am 3. September bei einem „Studientag zum rassismuskritischen Lernen“ im Haus kirchlicher Dienste in Hannover (HkD). „Es ist meiner Erfahrung nach der einzige Weg, auf dem wir Dinge ändern können.“

Unter dem Titel „Gott im Angesicht der anderen entdecken“ hatten Franziska Müller-Rosenau und Hannelore Köhler vom Frauenwerk der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers und Lars-Torsten Nolte vom Arbeitsfeld Integration und Migration im HkD zu dem Studientag eingeladen.

Gemeinsam mit den 30 Teilnehmenden ging Thomas der Frage nach, wie Rassismus entsteht und wie Menschen Strategien entwickeln können, um mit Rassismus umzugehen. Die Theologin und Beraterin für soziale Fragen brachte ihre eigenen Erfahrungen in den Studientag mit ein. Als Tochter jamaikanischer Eltern wurde sie in England geboren und wuchs in den 60er und 70er Jahren in Großbritannien auf. Seit über 30 Jahren ist sie als Anti-Rassismus-Trainerin tätig.

An einem Experiment aus den 60iger-Jahren aus den USA zeigte Thomas, wie Rassismus funktioniert. Eine Lehrerin hatte dort ihren Schülern gesagt, die blauäugigen Schüler seien bessere Menschen und den braunäugigen überlegen. Am nächsten Tag drehte sie das Experiment um. Innerhalb nur eines Tages veränderte sich das Sozialverhalten der Kinder untereinander und die schulischen Leistungen der jeweils abgewerteten Gruppe verschlechterten sich.

Kirchen sind herausgefordert

Biologisch gesehen gibt es nur eine menschliche Rasse. Tests haben ergeben, dass jeder Mensch genetisch gesehen eine multi-ethnische Herkunft hat. So ist es am ehesten die Kultur, die Menschen prägt. Treffen Kulturen aufeinander, entstehen Ängste vor Veränderungen. Dies ist auch innerhalb der Kirchen zu spüren. „Die Kirchen erwarten, dass Menschen, die nach Europa kommen, ihre Kultur hinter sich lassen und sich als Christen zusammenfinden“, sagte Thomas und beschrieb, wie ihre Familie in den 60iger Jahren von englischen Gemeinden ausgeschlossen wurde und die Jamaikaner daher eigene Gemeinden gründeten.

Integration geschieht, wenn solche Neugründungen heute in die Gemeinschaft der Kirchen mit aufgenommen werden, aber eigene Gemeinden bleiben. Nur wenn aus beiden eine neue Gemeinde entsteht, findet wirkliche Inklusion statt. Die Mitglieder beider Gruppen müssen sich dann auf Veränderungen einlassen. „Diese Veränderungen verursachen Ängste und deshalb sagen die einheimische Gruppen, ihr müsst wie wir werden“, erläuterte die Theologin.

In einer Auslegung der Geschichte vom barmherzigen Samaritaner aus Lukas 10 griff Bev Thomas Gedanken von Martin Luther King auf. Der Samaritaner handelt aus einer Haltung der universalen, gefährdeten und überschüssigen Liebe heraus. Er macht sich angreifbar: „Es wird immer Menschen geben, denen nicht gefällt, was Ihr tut“, ergänzte Thomas. „Aber das ist kein Grund, es nicht trotzdem zu tun.“ Mit den Worten von Martin Luther King: „Die tatsächliche Größe der Menschen zeigt sich nicht in Momenten der Zufriedenheit, sondern wo sie in Zeiten der Herausforderung stehen.“

Geduldig miteinander sein

Auch die Teilnehmenden waren immer wieder aufgefordert, ihre eigenen Fragen und Erfahrungen mit einzubringen. Sie tauschten sich über eigene Begegnungen mit Menschen in ihrer Kindheit und Jugend aus, die anders aussahen als sie selbst, und berichteten von heutigen Erfahrungen auch aus der Flüchtlingsarbeit.

Auf die Frage, wie man politisch korrekt von Menschen spricht, die anders aussehen als man selbst, betonte Thomas, dass es wichtig sei, solche Sprachregelungen mit den Betroffenen selbst auszuhandeln und nicht nur über sie zu reden. In der aktuellen Debatte plädiert sie dafür, nicht von Flüchtlingen oder Migranten zu sprechen und so die Menschen auf einen einzigen Aspekt ihres Lebens zu reduzieren. „Wenn wir von ‚Menschen, die geflohen sind,‘ oder ‚Menschen, die Migranten sind,‘ sprechen, betonen wir, dass sie zuallererst Menschen sind“, so die Theologin.

„Was soll ich tun, wenn ich bei Diskussionen immer wieder auf feste Vorurteile stoße und mein Gegenüber nicht für Argumente zugänglich ist?“, fragte eine Teilnehmerin am Ende des Tages. Thomas riet ihr, mit den Menschen in Kontakt zu bleiben, aber die heiklen Themen zunächst nicht anzusprechen: „Machen Sie etwas gemeinsam, reden Sie vom Wetter, wie wir in Großbritannien das gerne tun." Um Einstellungen zu ändern, ist ein Prozess des „Verlernens“ notwendig. „Das braucht Jahre“, so Thomas. „Und in dieser Zeit müssen wir miteinander geduldig sein.“