„How does it feel…?“

Nachricht 13. Oktober 2016
Bob Dylan bei seinem Konzert am 31. Mai 1984 im Millerntor-Stadion in Hamburg. Autoren aus Hannover ehren ihn mit einem 20-seitigen Heft über seinen Werdegang und sein Werk. Foto: Matthias Surall

Zur Verleihung des Literaturnobelpreises an Bob Dylan

„How does it feel…?“ So beginnt der Refrain des bekanntesten Songs des diesjährigen, frisch gekürten Literaturnobelpreisträgers Bob Dylan mit dem Titel „Like A Rolling Stone“ aus dem Jahr 1965.

Ich finde, es fühlt sich großartig, befreiend, umwerfend an, dass Bob Dylan, der Großmeister oder Goethe der Popmusikkultur endlich diesen Preis gewonnen hat. Bei „Like A Rolling Stone“ handelt es sich um den Song, mit dem Bob Dylan die Popmusik poetisch-kunstvoll sowie wort- und bildreich revolutionierte und mal eben eine neue Popmusiksparte erfand: den Folk-Rock.

Was für eine bahnbrechende, wegweisende, mutige Entscheidung des Nobelpreiskomitees, Bob Dylan, diesem meisterhaften, US-amerikanischen Songpoeten, diesen Preis zu verleihen. Damit bringt das Komitee einen ‚Stein ins Rollen‘, eine Dynamik in Gang, die auch dafür sorgen wird, dass eine ganze Kunstsparte, die Popmusik mit der in ihr beheimateten Songpoesie, wahrgenommen, gewürdigt und aufgewertet wird.

Denn mit dieser Entscheidung für den Popmusikkünstler Bob Dylan, der in diesem Jahr 75 Jahre alt geworden ist, haben sich quasi Generationen von Konflikten erledigt: Debatten darüber, ob Popmusik und ihre Songpoesie prinzipiell in den Rang von Kunst erhoben werden dürfe und ob nicht doch die inzwischen zu Recht umstrittene, strenge Unterteilung von E- und U-Musik nahelege, diesen Sektor zu ignorieren!

Bob Dylan ist ein würdiger Preisträger. Mit seiner Kunst des Songwriting oder besser der ‚Songmalerei‘ – der selbst große Songpoet Leonard Cohen hat ihn vor einiger Zeit sehr treffend als „Picasso of song“ bezeichnet – hat er seit seinen künstlerischen Anfängen zu Beginn der 1960er Jahre Generationen von Fans und Rezipienten/-innen einerseits und Künstlerkollegen/-innen andererseits geprägt. Er hat der Popmusik neue Möglichkeiten eröffnet und ganze Stile und Epochen ihrer Kulturgeschichte maßgeblich geprägt und gestaltet. Dabei lotet er bis heute die Tiefen des „Great American Songbook“ aus, dessen Archivar und Schatzheber er je älter desto intensiver geworden ist.

Bob Dylan, der geborene Jude und Ende der 1970er Jahre zum Christentum Konvertierte, wird zudem nicht müde, den großen Schatz biblischer Texte und Motive, Bilder und Geschichten stets neu in und mit seiner Kunst zu heben, sprich, ihn in diese einfließen zu lassen. Denn Dylan ist ein Meister der Sehnsucht, ein Meister darin, dieser Ausdruck zu verleihen – aller Trostlosigkeit dieser Welt und der Existenz in ihr zum Trotz. Dafür bedient er sich auch und gerade reichlich im biblischen Fundus.

Heute, am Abend des 13.10.2016, wird er in Las Vegas ein Konzert geben, also wie so oft in den letzten Jahrzehnten als „performing artist“ auf einer Bühne stehen und wahrscheinlich abseits seiner dargebotenen Songkunst wieder kein Wort sagen. Er feiert eher still. Umso schöner, dass es rund um die Entscheidung des Nobelpreiskomitees jetzt jede Menge würdigende Worte für den „Shakespeare der Jukebox“ gibt.

Pastor Dr. Matthias Surall, Beauftragter für Kunst und Kultur im Haus kirchlicher Dienste der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers, 13.10.2016
 

Anlässlich von Dylans 75. Geburtstag am 24. Mai 2016 erschien im Juli ein 20-seitiges Heft mit Beiträgen, die zuvor in der Evangelischen Zeitung erschienenen waren. Diese beleuchten Dylans Werdegang und Bedeutung, seine Songpoesie, seine ausdrücklich christliche Phase sowie Tradition und Moderne in seinem Werk.

Das Heft können Sie kostenfrei über kunstinfo.net bestellen oder dort direkt herunterladen.