"Mutig Kirche sein"

Nachricht 24. November 2016

Im Gespräch mit der nächsten Generation

Unter dem Thema „,Mutig Kirche sein‘ – im Gespräch mit der nächsten Generation“ fand im Haus kirchlicher Dienste (HkD)  am 21. November ein Studientag statt, zu dem die nächste Generation von Pastorinnen und Diakonen eingeladen war. Ziel des Tages war der Austausch zwischen dem „Nachwuchs“ und den Referentinnen im HkD zur Zukunft der Kirche.

18 Diakone in den ersten Arbeitsjahren und Studentinnen der Religionspädagogik waren der Einladung gefolgt, ebenso wie 18 Theologiestudenten und neun Vikarinnen beziehungsweise Pastoren in den ersten Amtsjahren. Auf den Tag eingestimmt wurden Gäste und Referentinnen in einer Andacht mit Worten des Sängers Clueso „Veränderung braucht einen klaren Kopf“.

Kirche ist mutig, wenn sie lebensbejahend, zärtlich und offen ist.

Fünf Theologinnen vom „Think Tank Theologie e. V.“ hatten den Tag mit vorbereitet. In dem Verein mit Sitz in Berlin haben sich junge evangelische Nachwuchstheologen und -theologinnen zusammengeschlossen, um sich auszutauschen und einen Freiraum zum Denken zu schaffen. „Bei uns ist es möglich, alle noch so verrückten Ideen auszusprechen. Jeder darf frei drauflosdenken. Dann wollen wir aber auch weiterdenken, denn es soll auch etwas dabei herauskommen“, beschreibt Sebastian Kühl, Vikar in Hollenstedt, die Arbeitsweise der jungen Theologen.

In Statements stellten Kristina Hagen, Stefan Wollnik, Geeske Brinkmann, Kristin Köhler und Sebastian Kühl vom Thinktank vor, was es für sie bedeutet, mutig Kirche zu sein. „Kirche ist mutig, wenn sie lebensbejahend, zärtlich und offen ist. Mutig ist, Tradition zu zeigen und zu bewahren und so als Kirche erkennbar zu bleiben, aber auch Visionen zu haben und Risiken einzugehen“, so Sebastian Kühl, Vikar in Hollenstedt und Kristin Köhler, Vikarin in Buxtehude.

Die Doktorandin Geeske Brinkmann aus Berlin plädierte für eine „gesunde Wissenschaftspraxis“. Viele Forschende würden in völliger Hingabe an ihren Projekten arbeiten und darüber den eigenen Körper vergessen. „Mutig ist es, die Forschung nicht nur an den Maximen des Outputs auszurichten, sondern auch nach der Motivation für die theologische Reflexion zu fragen,“ so die Theologin.

Kristina Hagen, Vikarin in Deutsch-Evern, wünschte sich eine „kritische Auseinandersetzung mit bestehenden Strukturen.“ Sie wollen Kirche von innen heraus verändern: „Mutige Kirche geht nach draußen und spricht in einer Sprache, die alle verstehen“, betonte die Theologin. „Kirche muss auch Position beziehen.“ Die Botschaft der Kirche könne heute noch Mut machen. Am Anfang stünde mit Jesus schließlich ein Mut-Idol.

Für Stefan Wollnik, Vikar in Bispingen, sollte sich „Kirche um den Menschen und die Erde sorgen und in gesellschaftlichen Diskursen stärker eine klare Kante und Profil zeigen. In einer mutigen Kirche gibt es auch Raum für eine vielfältige Frömmigkeitspraxis und das Gespräch mit Andersglaubenden.“ Eine mutige Kirche habe Zukunft dort, wo sie sich einlasse auf die Fragen, Sorgen und Erfahrungen der Menschen.

Zusammenfassend betonte Kristina Hagen, dass zum Mut auch das Erkennen der eigenen Schwächen gehört: „Uns macht mutig, dass wir verletzlich sind.“

Austausch zwischen den Generationen

Nach den Impulsen zu Beginn trafen sich Alt und Jung an Stehtischen und zogen Fragekärtchen mit persönlichen und Kirchen-Fragen, Diskussions- und Meinungsfragen. Schnell einig auf einer Skala von 1 bis 10 war sich eine Runde, dass kirchliche Berufe attraktiver werden würden, wenn es eine bessere Ausstattung, etwa Dienstwagen oder Laptop, gäbe. „Es fehlen da Grundstandards“, meinte HkD-Referent Achim Kunze. Bei der Frage nach einer größeren Streitkultur in der Kirche und einer fröhlicheren Anerkennungskultur meinte Anne Basedau, Kirchenkreisjugendwartin aus Peine: Sachlicher Streit gerate schnell in „persönliche Verletztheiten“ im Kirchenkreis. Vikarin Susanne Schulz aus Uelzen sagte: Wo es Anerkennung gebe, sei sie auch dankbar für Kritik und Feedback.

„Wo gibt es bereits heute Orte von mutiger Kirche?“ Basedau und Diakon-Kollege Felix Pilz aus Buxtehude meinten übereinstimmend: „Bei mir auf der Arbeit“. Die Kirche könne man nur von innen verändern, stellte Basedau fest und frühzeitiges Zusammenspiel von Kirchenmusikern, Pastorinnen und Diakonen sei wichtig  - und die Runde freute sich, dass der Studientag dazu ein Beitrag sei. 

Podiumsdiskussion

Zum Abschluss kamen Gäste, „die ihre Kirche lieben,  aber kritisch hinterfragen“, zu einer Podiumsdiskussion zusammen. Die Moderation übernahm Pastor Mathis Burfien, im Landeskirchenamt der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers verantwortlich für die Förderung und Gewinnung des theologischen Nachwuchses. Zum Abschluss des Tages freute sich Ralf Tyra, Direktor des HkD, darüber, dass viele neue Kontakte geknüpft worden seien. 

"Nachtisch" der besonderen Art

Mousse mit Tipp, Obst mit Austausch: Einen ungewöhnlichen „Nachtisch“ gab es beim Studientag nach dem Mittagsessen zwischen HkD-Referenten und der jungen Generation, ebenso wie schon vor dem Mittag bei einem Fragespiel an Stehtischen.

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Pastor Wolfgang Blaffert vom Landesjugendpfarramt sprach über Spiritualität von Jugendlichen. Foto: Gunnar Schulz-Achelis/HkD

Nach der Kartoffelsuppe schwärmten die Diakone und Studentinnen der Religionspädagogik, sowie die Vikarinnen und Theologiestudenten im Haus aus und konnten in 30 Büros - Nachtisch löffelnd - Fragen loswerden, Kontakte knüpfen und fachlich diskutieren. Pastor Wolfgang Blaffert vom Landesjugendpfarramt sprach über Spiritualität von Jugendlichen und erzählte von einem Recherche-Projekte über Gottesvorstellungen von Jugendlichen.

„Gottesdienste wie beim Landesjugendcamp oder dem Krelinger Jugendfestival BAM braucht die Kirche mehr; denn in dem Alter entscheidet sich, ob man bei der Kirche bleibt oder nicht“, meinte Theologiestudentin Madeleine Landré aus Hamburg. „Man muss weg vom Bombastischen und sehen, was vor Ort möglich ist“, sagte Diakonin Kathrin Frost von den Rotenburger Werken aus Erfahrung. Es falle vielen Beruflichen schwer, verschiedene Meinungen und Vorstellungen über den Glauben auszuhalten, meinte sie weiter und die Fünf in der Runde stimmten ihr zu.

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Theologiestudent Alexander Stichternath im Gespräch mit HkD-Referent Peter Greulich vom kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt. Fotop: Gunnar Schulz-Achelis/HkD

Theologiestudent Alexander Stichternath meinte nach dem Gespräch mit HkD-Referent Peter Greulich vom kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt über Betriebsbesuche: „Mir war nicht bewusst, dass es ein Angebot wie den KDA gibt“.

Marion Wiemann und Anja Klinkott vom Medienverleih des HkD zeigten ihren Besuchern Kurzfilme für den Unterricht, die eben, weil sie nur 5 bis 23 Minuten dauerten, danach noch gut ein Gespräch ermöglichen. Beispielsweise kann man nach dem Hamster-Trickfilm „Bob“ über Themen wie Leistungs-Stress und Lebensziele sprechen.

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Pastorin Helene Eißen-Daub und Vikarin Kristina Hagen im Gespräch über die Arbeit der Besuchsdienste. Foto: Gunnar Schulz-Achelis/HkD

Vikarin Kristina Hagen fragte Besuchsdienstreferentin Helene Eißen-Daub: „Wir besuchen ab 85 Jahren zum Geburtstag; was machen wir mit den Jüngeren?“ Die Expertin berichtete von erfolgreichen „Schnapszahlbesuchen“, also zum 22., 33. und 44. Geburtstag und Aktionen in Neubaugebieten. Zu Hagens Frage nach neuen Besuchsdienstmitarbeitenden berichtete Eißen-Daub aus einer Gemeinde, die Leute im Dorf in einer Schlüsselstellung - also beispielsweise Friseurin und Apotheker -  um Namen gebeten hat von Menschen, die Zeit für ein solches Engagement haben könnten. Tatsächlich kamen 18 Genannte zu einem Infoabend, die vorher nicht in der Gemeinde engagiert waren.