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28. November 2016

Nachricht

Auf dem Weg zu einer "Kirche des gerechten Friedens"

Engagiert und zeitweilig kontrovers diskutierten in der Marienkirche über Krieg und Frieden (von links) Friedensforscher Professor Dr. Fernando Enns, Militärdekan Dr. Hartwig von Schubert und der EKD-Friedensbeauftragte Renke Brahms, leitender Geistlicher der Bremischen Evangelischen Kirche. Foto: Gunnar Schulz-Achelis / HkD

Bei der Plenarsitzung der Evangelisch–lutherischen Landessynode Hannovers, am 24. November in Osnabrück, wurde das Wort der Landessynode „Auf dem Weg zu einer Kirche des gerechten Friedens“ einstimmig angenommen!
Der Beschluss beinhaltet eine deutliche Stärkung der Friedensarbeit der Landeskirche.
Zitat:“ …“Schritte zu Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“,…sollen verstärkt und ins Zentrum des kirchlichen Bewusstseins und Handelns gerückt werden.“ Die Synode hat weiterhin beschlossen, dass bis zur nächsten Sitzung im Mai 2017 Vorlagen erarbeitet werden sollen, wie diese inhaltlichen Beschlüsse in konkretes Handeln in der Landeskirche umgesetzt werden.
Alle Synodenausschüsse sind aufgefordert, sich damit zu befassen, wie aus ihrer Sicht „…wir als Kirche unseren Beitrag dazu leisten, dass Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung in unserer Gesellschaft und in der Welt wachsen.“

Am Abend diskutierten in der Marienkirche Fachleute für alternative Konfliktlösungs-Strategien. Auszüge der lebhaften Debatte sind am Montag, 28. November um 20.30 Uhr auf NDR-Info nachzuhören, und danach in der NDR-Mediathek.
Tagsüber machte der Reformationsjubiläums-Truck auf seiner Tour durch Europa Station vor dem Osnabrücker Schloss.
 

Papier der Landessynode im Wortlaut

Wort der Landessynode der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers;
Beratung in Osnabrück am 24. November 2016

Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben, dass die Erleuchtung entstünde zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.
Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns. (2. Korinther 4, 6-7)

Oberbürgermeister Wolfgang Griesert (2. von links) begrüßte im Osnabrücker Rathaus des westfälischen Friedens Dr. Matthias Kannengießer (2. von rechts) und seine Landessynode. Foto: Gunnar Schulz-Achelis / HkD

Licht aus der Finsternis - Gottes Gabe und unser Auftrag

Weil wir aus dem Licht der Liebe Gottes und in seinem Frieden leben, setzen wir uns als Kirche für gerechten Frieden ein: Für das friedliche Zusammenleben aller Menschen im Einklang mit der Schöpfung.
Gottes Frieden verstehen wir als eine spirituelle Gabe, die uns Menschen und unsere Kirche von innen erneuert. Dieser Frieden verpflichtet uns im Sinne der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Busan, Korea, zu einem "Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens". Auf diesem "Pilgerweg" wollen wir uns für einen Frieden einsetzen, der weit über politische und militärische Vorstellungen hinausweist und im
biblischen Sinne des "Schalom" eine umfassende Bewahrung der  Schöpfung und eine gerechte Verteilung der Lebensressourcen für alle Menschen umschließt.

Allerdings müssen wir bekennen, dass wir als Kirche dem Auftrag zum gelebten Zeugnis für den Frieden auf Erden oft nicht nachgekommen sind. Wir haben zu oft zugelassen oder auch mit verantwortet, dass der christliche Glaube zur Legitimation von personalen oder strukturellen Gewaltverhältnissen herangezogen wurde. Wir haben uns zu oft damit
begnügt, die Abwesenheit von Krieg und Gewalt als Frieden anzusehen. Bis heute fragen wir zu wenig, inwiefern unser Lebensstil, insbesondere unser Konsumverhalten, zur Verschärfung von Konflikten und gewalttätigen Auseinandersetzungen beiträgt.
Doch unsere Kirche lebt von der Vergebung und der Möglichkeit des Neuanfangs. Wir wollen deshalb in unserem Reden und Handeln noch mehr als bisher den Schwerpunkt auf konkrete Beiträge für ein friedliches Zusammenleben in unserer Gesellschaft und in der Welt setzen.
 

Kirche - in einer zerbrechlichen Welt

Unsere Kirche bleibt sich dabei bewusst, dass sie ein "irdenes Gefäß" ist: zerbrechlich, unvollkommen, bruchstückhaft. Eben darin ist sie Teil einer fragilen Welt. Mit Schmerz nehmen wir wahr, dass gesellschaftliche Ordnungen auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene massiv gefährdet sind. Verteilungsungerechtigkeit, Armut, Knappheit natürlicher Ressourcen, Krieg, Flucht, Hunger und Terror sind an der Tagesordnung. Regionale Krisen wirken sich global aus. Die Geflüchteten, die bei uns Schutz suchen, sind ein sichtbares Zeichen dafür. Es ist offenkundig, dass in den Krisen der Welt grundlegende und universale Rechte außer Kraft gesetzt werden. In Deutschland und Europa erleben wir, wie Meinungen und Parteien wachsen, die eine Entsolidarisierung der Gesellschaft und somit eine Erosion der staatlichen Ordnung vorantreiben. Auch hier werden grundlegende Rechte wie z. B. die freie Religionsausübung infrage gestellt. Friedliches Zusammenleben und Solidarität werden dabei auch durch eine Sprache, die Hass und Gewalt hervorruft, untergraben.

Gerechter Frieden - in unsere Herzen gegeben

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Wir sehen uns als Kirche deshalb verpflichtet, für den Schutz der in dieser Würde begründeten Menschenrechte einzutreten. Sie bedürfen ebenso der inneren Akzeptanz und der aktiven Umsetzung durch Individuen und gesellschaftliche Institutionen wie die aus ihr abgeleitete Rechtsordnung. Es geht nicht
nur darum, geltendes Recht durch entsprechende staatliche Sanktionierungen zu gewährleisten; es geht auch darum, die kulturellen Voraussetzungen dieses Rechts stets neu mit Leben zu füllen und zu bewahren. Hier sind wir als Kirchen mit vielen anderen zivilgesellschaftlich Handelnden konkret und alltäglich gefordert. Es geht umfassend um "gerechte Sozialität", "gerechte Bildung", "gerechtes Wirtschaften", "gerechten Umgang mit der Schöpfung" sowie um bewusste Bejahung eines interkulturellen und interreligiösen Miteinanders.
 

Irdene Gefäße zum Frieden - unsere Möglichkeiten

Das Osnabrücker Friedenspapier diskutierten am Vormittag sechs Arbeitsgruppen der Synode, unter anderem im Rathaus, hier unter Leitung von Superintendent Ottomar Fricke, Vorsitzender des Synodenausschusses für Mission und Ökumene (3. von links). Foto: Gunnar Schulz-Achelis / HkD

Wir sind den vielen Menschen dankbar, die sich für ihre Mitmenschen und für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung einsetzen. Es gilt, Orte zu finden und zu stärken, an denen Frieden als spirituelle Gabe erfahren, eine friedensethische Grundhaltung entwickelt, der konkrete Einsatz für den Frieden in der Gesellschaft gefördert und der politische Diskurs dazu geführt werden kann.
Jede Kirchengemeinde, jede kirchliche Einrichtung und Gruppe ist ein Teil der ökumenischen Gemeinschaft auf dem Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens, ein Ort, am dem Frieden und Versöhnung eingeübt werden. Strukturierte Bildungs- und Lernprozesse auf allen Ebenen unserer Kirche und der Zivilgesellschaft gehören zu diesem Weg. Kulturelle Vielfalt prägt unser gesellschaftliches Leben. Es gilt, einander mit Respekt und Interesse zu begegnen, voneinander zu lernen und jeglichem Fundamentalismus, jeglicher Rechtfertigung von Gewalt zu wehren. Der interreligiöse Dialog hat dabei eine wichtige Bedeutung. Er hilft dazu, den Auftrag zu Frieden und Gerechtigkeit in allen Religionen zu entdecken. Als Kirche treten wir dafür ein, den öffentlichen Diskurs über die Ursachen von Krieg,
Gewalt, Armut und über den Verlust natürlicher Lebensgrundlagen zu verstetigen und daraus konkretes solidarisches Handeln der Gesellschaft abzuleiten. Besondere Bedeutung hat dabei die Tatsache, dass die weltweiten Rüstungsexporte, an denen Deutschland einen hohen Anteil hat, eine zentrale Voraussetzung und ein starker Antrieb für kriegerische Auseinandersetzungen sind. Die Erhöhung der weltweiten Ausgaben für
Rüstung und Militär ist ein Irrweg, der verlassen werden muss. Militär kann im besten Falle für eine Eindämmung akuter Gewalt sorgen, für die Abwesenheit von Krieg. Für einen "gerechten Frieden" muss der Einsatz von militärischer Gewalt schrittweise durch zivile Ansätze zur Konfliktlösung ersetzt werden.
 

Schritte auf dem Weg zu einer "Kirche des gerechten Friedens"

In öffentlicher Verantwortung und ökumenischer Gemeinschaft wollen wir im Vertrauen auf Gottes Frieden weitere Schritte hin zu einer "Kirche des gerechten Friedens" gehen. Als Landessynode der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers sind wir dankbar für die vielfältigen "Schritte zu Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung", die in den Kirchengemeinden, Kirchenkreisen, Sprengeln und Einrichtungen unserer
Landeskirche schon geschehen. Sie sollen verstärkt und ins Zentrum des kirchlichen Bewusstseins und Handelns gerückt werden. Wir rufen dazu auf, auf allen Ebenen der Kirche nicht nachzulassen, die "überschwängliche
Kraft von Gott" konkret wirksam werden zu lassen. Wir regen an, innerhalb der hannoverschen Landeskirche besondere Orte als geistliche und kommunikative Zentren für die Themen des gerechten Friedens  auszubauen und neue Möglichkeiten der Friedensarbeit zu entwickeln.
Wir glauben, dass im gerechten Frieden Neues wird. In dieser Gewissheit wollen wir als Kirche unseren Beitrag dazu leisten, dass Frieden,  Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung in unserer Gesellschaft und in der Welt wachsen.
 

 
Den Reformations-truck begrüßen in Osnabrück  (von links) Superintendent Ottomar Fricke, Vorsitzender des Synodenausschusses für Mission und Ökumene, der geistliche Vizepräsident des Landeskirchenamtes Arend de Vries, die Präses der EKD-Synode Dr. Irmgard Schwaetzer, Landesbischof Ralf Meister, Synodenpräsident Dr. Matthias Kannengießer,  Dr. Konrad Merzyn von der EKD, Pastor Lutz Krügener Beauftragter für Friedensarbeit im Haus kirchlicher Dienste und Tourmanager Johannes Göring. Foto: Gunnar Schulz-Achelis / HkD
Der Truck zum Reformationsjubiläum machte Halt vor dem Osnabrücker Schloss und wurde von besonders vielen jungen Leuten besucht. Foto: Gunnar Schulz-Achelis / HkD