Prävention von sexualisierter Gewalt

Nachricht 18. November 2016

Wenn ein Vierjähriger eine Sechsjährige mit Zunge küsst – ist das eine sexuelle Grenzverletzung? Oder sogar ein sexueller Übergriff? Kann ein Mitarbeiter ein Kind zum Trost umarmen oder ist das schon zu viel? Gerade in der kirchlichen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist die Frage nach einem korrekten Verhalten nicht so leicht zu beantworten. Da muss man mit Grenzen umgehen und Risiken einschätzen lernen, findet Iris Feigel, Referentin für die Arbeit mit Kindern im Landesjugendpfarramt der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. „In unserer Arbeit ist es wichtig, dass wir Beziehungen aufbauen, dazu gehören oft auch Berührungen.“

Trotzdem, oder gerade deshalb ist Kindeswohl und Prävention von sexualisierter Gewalt ein wichtiges Thema im Landesjugendpfarramt. „Wir sind im Bereich Prävention ziemlich gut aufgestellt“, sagt Feigel. „Trotzdem ist es wichtig, immer wieder zu kontrollieren, wo wir uns verbessern können und wie wir sinnvolle Schutzkonzepte entwickeln.“ Sie ist eine von drei Kollegen, die ein Team Kindeswohl im Landesjugendpfarramt bilden.

Einen wichtigen Schritt hat das Landesjugendpfarramt bereits mit einer Kindeswohl-Notfallkarte getan, die nach einem Vorbild des Verbands christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder entstanden ist. Hier wird eine Kontaktperson eingetragen, die man in einem Krisenfall anrufen kann. Sie hat die Größe einer Kreditkarte und soll von Mitarbeitern und jugendlichen Teamern mitgenommen werden, wenn sie mit Kindern und Jugendlichen unterwegs sind.

Zur Frage der Schutzkonzepte vor Ort plant das Team eine Qualitätsoffensive. Es will die Kirchenkreisjugenddienste in der Weiterentwicklung individueller Schutzkonzepte unterstützen „Dafür haben wir keine einheitliche Checkliste, die wir einfach abhaken können. Jeder  Ort hat seine Besonderheiten, auf die das Konzept zugeschnitten sein muss“, so Feigel. Dafür bieten die Diakonin und das Team im Landesjugendpfarramt Unterstützung an.

Ein Schutzkonzept ist „ein Projekt, das wächst und möglichst nie aufhört“, so wünscht es sich der Sexualpädagoge Carsten Müller von der Praxis für Sexualität in Essen. Zusammen mit seiner Kollegin Larissa Ewerling war er zu Gast bei der Landesfachkonferenz der Kreisjugendwarte und Kreisjugendpastoren der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers Anfang November. Dort setzten sich die rund 90 Teilnehmer in mehreren Diskussionsrunden mit der Thematik auseinander. Die Landesfachkonferenz findet zwei Mal im Jahr statt. Hier treffen sich die Kreisjugendwarte und Kreisjugendpastoren, diskutieren über aktuelle Themen in der Jugendarbeit und entwickeln zukünftige Strategien. Es brauche sexualpädagogische Pflichtveranstaltungen in der Ausbildung von Pastoren und Diakonen. Und es müsse eine Haltung zu Schutzkonzepten und sexualisierter Gewalt entwickelt werden, bei der alle mitgehen können, so ein Ergebnis des Abschlussplenums.