Luthers Blindheit

Nachricht 08. November 2016

Das hätte Luther sicher nicht erwartet: Mit einer augenfälligen und symbolischen Handlung haben die hannoversche Marktkirchen-Pastorin Hanna Kreisel-Liebermann und die Beauftragte für Kirche und Judentum im Haus kirchlicher Dienste Hannover, Prof. Dr. Ursula Rudnick, am 9. November, dem Gedenktag der Zerstörung von Synagogen in Deutschland, auf die Blindheit Luthers und der Kirche gegenüber dem Judentum hingewiesen. „Als Ausdruck von Martin Luthers Blindheit, ja Verblendung gegenüber Juden und Judentum verbinden wir ihm heute die Augen“, sagte Rudnick, bevor sie zusammen mit Kreisel-Liebermann und mit Unterstützung von Landesbischof Ralf Meister an der Luther-Statue neben der Marktkirche zur Tat schritt.

An die 50 Gäste, unter ihnen auch der Vorsitzende des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen, Michael Fürst, und die Vorsitzende der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover, Ingrid Wettberg, verfolgten das von zahlreichen Medienvertretern dokumentierte Geschehen.

Anlass der Handlung ist das Reformationsjubiläum, in dessen Rahmen Luthers judenfeindliche Schriften erstmals von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen werden und der derzeit aufbrechende Antisemitismus in Deutschland. Der historische Bezug sind Darstellungen aus der Kirchengeschichte, in denen die Synagoge als Ausdruck ihrer vermeintlichen Blindheit oftmals mit einer Binde vor den Augen dargestellt ist. Zu sehen ist das zum Beispiel am Straßburger Münster, aber auch an der Osnabrücker Marienkirche.

Blind war aber vor allem die Kirche und so auch Martin Luther, der – insbesondere in seinen späten Schriften – das Judentum diffamierte und dämonisierte. „Die Blindheit betraf und betrifft die Kirche, ihre Theologen und Gläubigen“, bringt Rudnick das Problem auf den Punkt. „Zum Erbe lutherischer Kirche in Deutschland gehört nicht allein die Judenfeindschaft Martin Luthers, sondern auch die Judenfeindschaft der nachfolgenden Generationen. Eine Bildheit, die - punktuell - bis in die Gegenwart hinein reicht", sagt die Beauftragte für Kirche und Judentum.

„Die Luther-Skulptur, die um 1900 geschaffen wurde, zeigt die Luther-Verehrung zu jener Zeit: Luther als prophetischer und heldenhafter Reformator“, erläutert Kreisel-Liebermann. „Seine Leistungen, aber auch seine Schattenseiten, müssen im Jubiläumsjahr der Reformation auch thematisiert werden“, betont die Marktkirchen-Pastorin. Die Idee zu der Aktion der Augenbinde stamme übrigens aus Erfurt, wo sie zunächst verboten wurde.

Landesbischof Ralf Meister unterstützt die Aktion des Augenverbindens: „Während des Jubiläums müssen wir uns davor hüten, Luther blind zu verehren. Der historische Blick erfordert eine kritische Distanz zu bestimmten Haltungen des Reformators. Zu Recht hat die EKD-Synode die Judenfeindschaft Luthers als "Widerspruch zum Glauben an den einen Gott" eindeutig verurteilt. Die symbolische Geste, Luther die Augen zu verbinden, weist uns an die theologische Verantwortung, die Beziehung zu unseren jüdischen Geschwistern zu vertiefen."