Essen und Trinken in der Kirche - Ma(h)l anders

Nachricht 03. November 2016

In diesen Wochen geht es in den evangelischen Kirchen vornehmlich um den Beginn des Reformationsjubiläums. Dass dabei ein Nachdenken über eine gute Form der Kirche und einen ansprechenden Gottesdienst nicht nur auf die eigene Konfession beschränkt bleiben muss und dass es dabei Fragen wie die der Gastlichkeit und des gemeinsamen Essens zu bedenken gilt, bewiesen die Diakoninnen und Diakone des Kirchensprengels Hildesheim-Göttingen der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Zu ihrem jährlich stattfindenden Konvent war der katholische Liturgiewissenschaftler Prof. Dr. Guido Fuchs von der Universität Würzburg am 2. November eingeladen. Fuchs leitet neben seinen Aufgaben in Bayern das Institut für Liturgie- und Alltagskultur, das seinen Sitz in Hildesheim hat.

Dass das, was auf den ersten Blick wenig zusammengehört, nämlich Essen und Glauben, ganz tief miteinander zu tun hat, machte der Fachmann für die Feier des Gottesdienstes gleich schon zu Beginn den rund 50 Teilnehmenden klar. „In höchst sinnenfälligen Formen wird am Beispiel des miteinander Mahlhaltens die Erinnerung an Christus lebendig gehalten. Das zeigt, dass das miteinander Essen zum Wesens des Christseins gehört“, so der Leiter des Hildesheimer Instituts. Dort in der Domstadt, in der die evangelische und die katholische Kirche ein gutes Miteinander pflegen, ist an Guido Fuchs Institut auch die „Forschungsstelle für Kulinaristik und Religion“ angesiedelt.

Die Bibel gebe vielfältige Aufforderung zur Gastfreundschaft, so der Theologe. Angefangen mit den Geschichten des Alten Testaments, in denen die Aufforderung, Fremde als Gäste freundlich aufzunehmen schon in den ganz ursprünglichen Erzählungen von Abraham und Sara benannt werde, bis zu den Texten des Neuen Testaments. In ihnen erfahre die Bedeutung der Gastfreundschaft mit dem Wirken Jesu noch einmal eine Vertiefung. So verpflichte der Hebräerbrief die Christinnen und Christen zu besonderer Herzlichkeit gegenüber Fremden, setze er doch Gäste mit Engeln gleich.
Im Gast, so führte Prof. Fuchs aus, der sich wissenschaftlich mit den Formen und Ausgestaltungen christlicher Feiern befasst, begegne in der Vorstellung der biblischen Autorinnen und Autoren Gott den Menschen. Eben dieser Gedanke habe beispielweise auch die Mönchsväter dazu veranlasst, in ihren Ordensregeln der Gastfreundschaft viel Platz einzuräumen. Wer zu Besuch ins Kloster kam, wurde, auch wenn er unerwartet war, immer am vornehmsten Tisch platziert und bekam das beste Essen vorgesetzt. Noch heute gebe es in Österreich und Bayern den Brauch, an der weihnachtlichen Festtafel einen Platz freizuhalten, reserviert für einen vielleicht dazukommenden, unbekannten Gast.

Ob die biblischen Aufforderungen zur Gastlichkeit aber tatsächlich in jeder katholischen und evangelischen Gemeinde im Gemeindealltag und in den Gottesdiensten des Kirchenjahres aktiv gelebt würden, das stellte der katholische Theologe in Frage. Er selbst habe viel von Menschen gelernt, die in der Gastronomie arbeiteten. Bei gemeinsamen Fortbildungsveranstaltungen von Kirche und Gastgewerbe erkenne er immer wieder, wie wichtig der Ansatz sei, sich auf den Gast auszurichten und einzulassen. Menschen müssten sich gastlich aufgenommen fühlen, um sich wohl zu fühlen, das gelte erst recht für den Gottesdienst in der Kirche und bei Veranstaltungen im Gemeindehaus. Dabei gelte es auch „über das Tässchen Kaffee hinaus“ einladend auf die Menschen zuzugehen und ihnen das Gefühl zu vermitteln, dass ihre Anwesenheit geschätzt werde.

Landessuperintendent Eckhard Gorka stellte im Anschluss an den Vortrag heraus, dass die Kirchengemeinden „Gastfreundschaft doch einfach gut können“. Ob in der Verwaltung oder Politik, bei Vereinen oder Verbänden, fast alle gesellschaftlichen Gruppen ließen sich gerne in kirchliche Räume einladen. Ihnen sei bewusst, dass die Gemeindehäuser und die Kirchen freundliche und auch gut ausgestatte Räume böten. Davon könnten Dorfgemeinschaften und Stadtteile sehr profitieren.

Wie dieses konkret in der Praxis in Südniedersachsen aussieht, darüber informierten dann die Profis aus der diakonischen Arbeit in ihren Projektvorstellungen. Katrin Bode aus Hildesheim stellte ihr Projekt „Torte im Park“ vor. Jeweils in den Sommermonaten lädt dazu die Diakonin Menschen in Hildesheimer Parks zu einem Stück Torte, einer Tasse Kaffee und zu einem guten Gespräch ein, „einfach um Kirche ins Gespräch zu bringen und um sich mit den Menschen zu unterhalten“. Cornelia Renders, Referentin des Hauses kirchlicher Dienste berichtete über das zweite „Frauenmahl“ des Sprengels. Dies hat am 28. Oktober in Göttingen stattgefunden und einige hundert Zuhörerinnen zum gemeinsamen Essen und Debattieren in der Kreuzkirche zusammengeführt. An festlich gedeckten Tischen seien die Frauen zusammengekommen, hätten Vorträgen gelauscht, gut gegessen und miteinander einen wunderbaren Abend verlebt. „Das war ein wirklich schöner Erfolg. Das gemeinsame Essen und die Gespräche dabei bedeuten den Frauen sehr viel“, so die Referentin im Frauenwerk des Sprengels abschließend.

Helge Meyn-Hellberg/gsa

Kerstin Dede, landeskirchliche Beauftragte für Diakone und Diakoninnen und Referentin im Haus kirchlicher Dienste (HkD) berichtete über die Stellensituation für die Berufsgruppe: Es gab im vergangenen Jahr enorm viele Ausschreibungen und Stellen waren schwer zu besetzen. Durch die Doppelqualifikation stünden Diakoninnen und Diakonen heute ein breites Spektrum von Aufgaben in Kirche und Diakone offen und daher blieben Stellen in Kirchengemeinden manchmal unbesetzt, so Dede.