Arbeit von Familie her definieren

Nachricht 23. Mai 2016
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Die „kurze Vollzeit“ stellte Dr. Steffen Lehndorff als familienfreundliches Arbeitszeitmodell vor. Foto: Linda Schmols/ HkD

Neue Ideen für eine moderne Arbeitszeitpolitik, die die Balance zwischen Beruf und Privatleben ernst nimmt, haben Kirchenleute und Gewerkschaftler bei einer Arbeitszeitkonferenz diskutiert. Zu der Debatte unter dem Thema „Wem gehört die Zeit? – Mehr Zeit für uns!“ hatte der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt im Haus kirchlicher Dienste, am Freitag, 23. Mai, ins Hanns-Lilje-Haus in Hannover eingeladen. Die Veranstaltung fand statt in Kooperation mit der Friedrich-Ebert-Stiftung, der Kooperationsstelle Hochschulen und Gewerkschaften, dem Bildungswerk Verdi, der Gewerkschaft Verdi im Bezirk Hannover/Leine-Weser, sowie den Industriegewerkschaften Metall und Bergbau Chemie Energie.

Landessozialpfarrer Michael Klatt betonte in seiner Begrüßung, dass die Möglichkeiten der Arbeitszeitgestaltung vereinbar sein sollten mit Familie, Gesundheit und Freizeit. Daran müsse auf individueller, politischer, betrieblicher und sozial-partnerschaftlicher Ebene gearbeitet werden, so Klatt. In diesem Zusammenhang hob er das Anliegen der Kirche für die Arbeitswelt hervor, in allen Prozessen die Würde des Menschen zu achten.

Die Beziehung von Beruf und Familie stand während der Veranstaltung im Fokus. Die Autoren Dr. Heinrich Wefing („Geht alles gar nicht“) und Susanne Garsoffky („Die Alles ist möglich-Lüge“)  stellten ihre Bücher vor und beschrieben, warum sie aus persönlicher Erfahrung Familie und Beruf zurzeit für unvereinbar halten. Für Garsoffky als Mutter von zwei Söhnen, ist ein Grund für das Scheitern, der hohe Anspruch als Eltern zu „funktionieren“, den Andere, aber auch wir selbst an uns stellen. Sie wies darauf hin, dass Eltern nicht danach fragen sollten, wie sie sich selbst optimieren können. Vielmehr liege die Verantwortung, über das Thema Familie ins Gespräch zu kommen, auch beim Arbeitgeber. Der Journalist Wefing stellte die Anforderungen des „Systems Familie“ heraus: Sie brauche Stabilität, Ruhe und Vorhersehbarkeit. Dies steht für den Vater von zwei Kindern im Konflikt mit einem Kapitalismus in der Arbeitswelt, der ständige Flexibilität verlangt.

Dr. Steffen Lehndorff von Institut für Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen stellte mit der „kurzen Vollzeit“ von 28 bis 30 Wochenstunden, die er nicht als „Teil-Zeit“ versteht, einen gesellschaftspolitischen Ansatz in der Arbeitszeitpolitik vor. Eine gerechte und zufriedenstellende Arbeitszeitverteilung werde möglich, indem die Arbeitszeit an den Lebenslauf angepasst, eine „Familienzeit“ mit Rückkehrrecht zur kurzen Vollzeitbeschäftigung eingeräumt wird und die politischen Rahmenbedingungen verbessert werden, wie zum Beispiel durch den Ausbau von Kitaplätzen.

Wie der Staat eine solche Entwicklung unterstützen kann, zeigte Dr. Katharina Wrohlich vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin am Modell der „Familienarbeitszeit“. Diese Leistung soll finanzielle Anreize für ein „dual earner/dual carer“-System schaffen. Hier sind beide Elternteile Vollzeit erwerbstätig und gleichberechtigt für die Familie da. „Wir brauchen transparente, einfache und durchschaubare Leistungen“, kommentierte die Abteilungsleiterin „Familie“ im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Petra Mackroth. Eine Leistung, die über Kinder und Familie definiert wird, macht die Wünsche und Bedürfnisse der Arbeitnehmer stark, so Mackroth. Sie betonte darüber hinaus, dass eine feste Regelung als Legitimationshilfe vor dem Arbeitgeber wichtig ist.  

Am Nachmittag hatten die Teilnehmenden die Möglichkeit, die Debatte in verschiedenen Workshops zu vertiefen. Hier stellten Vertreter von Gewerkschaften und Versicherungen praktische Modelle und Herausforderungen zur Diskussion.