Europa neu denken

Nachricht 21. März 2016

„Evangelische Kirchen in der Minderheit – zwischen Aufbruch und Zerfall“

Was bedeutet es, wenn eine Kirche sich in der Minderheit befindet? Was bedeutet es für eine Kirche, wenn sie „kleiner, älter und ärmer“ wird? Ist die Kirche vom Missionsbefehl her prinzipiell daraufhin angelegt zu wachsen, oder hat sie eher dem Auftrag zu entsprechen, „Salz der Erde“ und die „Stadt auf dem Berge“ zu sein?

Um diese und andere Fragen kreiste am 18. März ein von Oberlandeskirchenrat Rainer Kiefer moderierter Abend in der Evangelisch-reformierten Kirche Hannover im Rahmen des Themenjahres „Reformation und Eine Welt“. Den Hauptvortrag hielt Professor Dr. Michael Bünker, Bischof der Evangelischen Kirche in Österreich und Generalsekretär der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE).

Diaspora neu denken

Bünker sprach sich dafür aus, den Begriff der Diaspora neu und positiv zu fassen. Die Mehrheit der evangelischen Kirchen in Europa seien zahlenmäßig Minderheitskirchen. Lange seien Diasporakirchen jedoch als die Kirchen begriffen worden, „denen geholfen werden muss“. Bünker dagegen verwies auf ein Umdenken in neuerer Zeit und hob auf die Potentiale der Minderheitensituation ab: Es gebe für Kirchen in der Minderheit die Chance zu einer besonderen Glaubwürdigkeit, wenn man sich nicht zurückziehe, sondern sich selbstbewusst an gesellschaftlichen Prozessen und Debatten beteilige.

Die Evangelische Kirche in Österreich sei nicht den Weg gegangen, sich selbst zu isolieren. Gerade auch an dem Phänomen migrantischer und internationaler Gemeinden sei heute zu sehen, wie religiöse und ethnische Minderheiten eigene Ressourcen zum Gewinn der gesamten Gesellschaft aktivieren können. Derzeit wachse in Europa am stärksten die Bevölkerungsgruppe der Menschen, die keiner Kirchen- oder Religionsgemeinschaft angehören. In dieser Situation könne „Diaspora“ positiv verstanden zu einem Schlüsselbegriff für die Kirchen werden. Es gelte nun, eine „Theologie der Diaspora“ auf europäischer Ebene voran zu bringen. Auch in der Situation der Minderheit habe die Kirche den Auftrag, die christliche Botschaft öffentlich zu kommunizieren. Kirche in der Diaspora zu sein, bedeute, eine Minderheit mit einer Mission zu sein.

Salz in der Suppe sein

Paul Oppenheim, der 20 Jahre lang als theologischer Referent der Evangelischen Kirche in Deutschland im Bereich der Auslands- und Ökumenearbeit aktiv war, antwortete auf Bünkers Vortrag und betonte, dass jede Kirche auf Wachstum angelegt sei. Der Missionsbefehl gehöre zur DNA von Kirche und es sei eine Illusion, dass die Kirche sich „gesund-schrumpfen“ könne. Bei einer schrumpfenden Kirche volkskirchlicher Prägung schrumpfe eben auch der Kern der Hochverbundenen, wie am Beispiel der evangelischen Kirche in den Niederlanden zu sehen sei. Oppenheim, zurzeit als ehrenamtlicher Vorsitzender der Evangelisch-reformierten Kirchengemeinde Hannover aktiv, verwies auf das Missverhältnis von formaler Mitgliedschaft und realer Beteiligung am Leben der Gemeinde. Auch wenn die Zahl der Mitglieder insgesamt abnehme, gebe es ein großes Wachstumspotential. Die Herausforderung liege darin, sich nicht mit dem Schrumpfen abzufinden, sondern Salz in der Suppe zu sein.

Diakonisch wirken

Uwe Onnen, Pastor der Evangelisch-methodistischen Kirche und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Hamburg, riet davon ab, zu sehr allein auf zahlenmäßiges Wachstum zu schauen. Die Methodistische Kirche habe sich nie als Diaspora empfunden, da sie seit ihrer Entstehung immer den konkreten Blick auf die Menschen und deren Lebenssituation eingeübt habe. Onnen verwies auf John Wesleys Ausspruch: „The world is my parish – Die Welt ist mein Kirchspiel!“ Der Missionsbefehl gelte allen, die die Botschaft noch nicht gehört hätten und diese Zahl werde immer größer. Onnen plädierte dafür, sich als kleine Kirche nicht ängstlich in die Burg der eigenen Tradition zu flüchten, sondern diakonisch zu wirken und in ökumenischer Weite mit anderen Kirchen gemeinsam zu agieren und Zeugnis abzulegen.

In dem folgenden Gespräch mit den Zuhörenden wurden unter anderem deutlich Wunsch und Wille geäußert, das Reformationsgedenken ökumenisch zu begehen und im ökumenischen Gespräch die kleinen Kirchen nicht zu übergehen. Die Erkennbarkeit von Kirche sei nicht von ihrer zahlenmäßigen Größe abhängig. Abschließend betonte Bischof Dr. Bünker, dass die Herausforderung der Migration für Europa bleiben werde. Aufgabe der Kirchen werde es sein, prophetische Stimme zu sein und diakonisch zu wirken. Pastorin Sophie Anca, die als Referentin für Reformationsjubiläum und Ökumene im Haus kirchlicher Dienste den Abend mit vorbereitet hatte, dankte dem Podium und betonte, dass die Landeskirche Hannovers in Zukunft auch viel von den „kleinen“ Kirchen lernen könne.