Abschied aus der Arbeitswelt

Nachricht 10. Juni 2016
Landessozialpfarrer Micahel Klatt geht Ende Juni in den Ruhestand. Foto: Jens Schulze/HkD

Landessozialpfarrer Michael Klatt, leitender Referent des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt (KDA) geht in den Ruhestand. Ende Juni steht für den 65-Jährigen, der von sich sagt, dass er „unheimlich gerne arbeitet“, der Abschied aus der Arbeitswelt an.

„Bitter Oranges“ heißt eines der letzten Projekte, die Klatt mit auf den Weg gebracht hat: eine Foto-Ausstellung im Haus kirchlicher Dienste (HkD) ab 12. September über Migrationsarbeiter auf Orangenplantagen in Kalabrien, Süditalien. „Diese Ausstellung geht durch ganz Europa und zeigt die unwürdigen Bedingungen, unter denen die Menschen dort arbeiten“, erklärt Klatt. Durch Begleitveranstaltungen wird der Bezug zu hiesigen Verhältnissen hergestellt, etwa zu den Arbeitsbedingungen von osteuropäischen Arbeitern in der Fleischindustrie in Niedersachsen. Es sind auch Führungen für Schulen geplant. Die Ausstellung wird in Kooperation mit dem Europäischen Informationszentrum (EIZ) des Landes Niedersachen, dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), dem Flüchtlingsrat Niedersachsen e. V.  und der Katholischen Kirche durchgeführt.

Gute Bedingungen am Arbeitsplatz

Die Auseinandersetzung mit den Bedingungen am Arbeitsplatz ist eines der Herzensanliegen des Landessozialpfarrers, der auch in der „Landesallianz für den freien Sonntag“ engagiert ist. Im Mai hatte der KDA mit sechs weiteren Kooperationspartnern zu einer „Arbeitszeitkonferenz“ eingeladen unter dem Motto: „Wem gehört die Zeit? – Mehr Zeit für uns!“. Vor allem die Vereinbarkeit von Familie und Beruf stand im Fokus der Veranstaltung. Auch die Suche nach Alternativen zu einer an bisherigen Wachstumskriterien orientierten Wirtschaft beschäftigte Klatt immer wieder. Aufgrund der Endlichkeit der Ressourcen, aber auch aus Gerechtigkeitsgründen sei eine Änderung des Verhaltens und der Politik aus christlicher Sicht geboten. In der Publikation „Wachstum – Herausforderung für die Zukunft“  benennt der Theologe ganz konkrete Fragen, die sich für Wirtschaft und Politik daraus ergeben.

Denk-Anstöße für die Fastenzeit

Bei Begegnungen und Veranstaltungen mit Kooperationspartnern aus Wirtschaft und Politik machte Klatt die Erfahrung, dass viele dankbar sind für solche Anstöße aus kirchlicher Perspektive. „Anstoß“ heißt daher auch ein kleines Heft, das der Theologe seit 2012 immer zu Beginn der Fastenzeit herausgab. Ein aktuelles Thema wird jeweils umrissen, theologisch beleuchtet und durch Anregungen zum Handeln ergänzt. Diese Anregungen haben dann oft tatsächlich etwas angestoßen, wie zum Beispiel die Arbeitszeitkonferenz im Mai dieses Jahres oder das Bündnis „Reichtum verpflichtet“, das sich in der Gründungsphase befindet. Im Herbst dieses Jahres soll es bei einem ersten Reichtums-Kongress unter anderem um die Frage gehen, wie diejenigen, die in unserer Gesellschaft sehr viel Vermögen besitzen, gerechter an der Finanzierung dringender Aufgaben in unserer Gesellschaft beteiligt werden können. Es ist geplant, dass zum Auftakt der Bischof der hannoverschen Landeskirche Ralf Meister und der Bischof des Bistums Hildesheim Norbert Trelle sprechen werden.

Kirche dort erleben, wo Menschen arbeiten

11 Jahre lang hat Klatt den „Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt“ in der Landeskirche mit geprägt. „Wir sind Kirche am Ort der Arbeit“, beschreibt Klatt das Selbstverständnis des KDA. „Menschen können Kirche dort erleben, wo sie arbeiten.“ Dazu gehören zum Beispiel Betriebsbesuche, die der KDA zusammen mit Superintendenten oder Kirchengemeinden durchführt. Aber auch Beratung für Betriebe und Menschen in schwierigen Situationen führt der KDA durch.

Im Haus kirchlicher Dienste war Klatt seit 2005 in leitender Funktion tätig, zunächst als Leiter des Arbeitsbereichs B „Kirchgemeinde-ergänzende Dienste“. Nach der Strukturreform des HkD im Jahr 2009 wurde er Leiter des Fachbereichs 6 „Kirche.Wirtschaft.Arbeitswelt“, zu dem neben dem KDA auch der Kirchliche Dienst auf dem Lande, Spiritual Consulting, Kirche und Handwerk und das Arbeitsfeld Umwelt- und Klimaschutz gehören.

Arbeitsloseninitiative in Bad Münder

Das Thema Arbeitswelt war schon auf Klatts erster Pfarrstelle 1981 bis 1992 in Bad Münder zentral, wo der junge Pastor eine Arbeitsloseninitiative ins Leben rief. „Das war damals in den 80er-Jahren ein Politikum“, erinnert er sich. „Die  Arbeitslosigkeit war ein wachsendes Problem, Arbeitslose galten allgemein als zu faul, um zu arbeiten.“ Für die Arbeitslosen wurden Betreuung und Beratung eingerichtet, und durch Aktionen wie das Einsammeln von Altpapier verbesserte sich die Akzeptanz in der Bevölkerung und in der Gemeinde. Die Initiative besteht bis heute.

Beauftragter für die Expo 2000

1992 wurde der Vater zweier Söhne und einer Tochter Superintendent im Kirchenkreis Hannover-Ost. Als Beauftragter des Stadtkirchenverbandes Hannover für die Expo hat er das Kirchenzentrum Kronsberg für den damals neu entstehenden Stadtteil mit geplant und Projekte mit auf den Weg gebracht, wie die Apostelkirche als „Garten-Eden-Kirche“, das Kunst-Projekt „Lost – Paradise – Lost“ oder die Reihe „Bach und die Welt“, bei der jeden Sonntag in einer der hannoverschen Kirchen eine für den jeweiligen Sonntag komponierte Bach-Kantate aufgeführt wurde.

Auch als Superintendent machte Klatt die Themen Arbeit, Arbeitslosigkeit und soziale Betriebe zu seiner Aufgabe, damals auf der Ebene des Stadtkirchenverbandes. In dieser Zeit entstand auch eine ökumenische Partnerschaft mit der Kirchengemeinde Kotobe in Addis Abeba (Äthiopien), aus der schließlich der Verein "Das helle Licht – Förderverein zur Unterstützung von Kindern und Jugendlichen in Äthiopien e. V." hervorging.

Internationale und ökumenische Kontexte

Die Liebe zu internationalen und ökumenischen Kontexten wurde für Klatt bereits im Studium in Tübingen geweckt, wo er seine Frau, eine Schottin, kennenlernte. Am Ende eines gemeinsamen Studienjahres in Aberdeen heirateten die beiden. Nach dem Vikariat in Nordstemmen schloss sich für die junge Familie ein einjähriger Auslandsaufenthalt in den USA an.

Ganz endgültig wird für Klatt der Abschied aus Wirtschaft und Arbeitswelt nicht sein. Er bleibt noch bis 2018 Leiter des KDA auf Bundesebene. Auch als Vorsitzender des Verbandes „Kirche.Wirtschaft.Arbeitswelt“ (KWA) wird er noch gut zweieinhalb Jahre im Amt sein und zum Beispiel im Jahr des Reformationsjubiläums 2017 eine thematische Woche in Wittenberg mitgestalten.

Verabschiedung am 23. Juni

Die Verabschiedung von Landessozialpfarrer Michael Klatt findet am 23. Juni um 16 Uhr in der Neustädter Hof- und Stadtkirche statt. Danach wird sich Klatt auf den Weg nach Schottland machen: „Meine Frau und ich werden zwei Wochen wandern, um Kopf und Herz freizubekommen für den neuen Weg, der auf uns wartet.“