Herzensgüte wunderbar

Nachricht 29. August 2016

Rückblick auf den Ehrenamtlichentag 2016

„Herzensgüte wunderbar, ist voller Lebenskraft“ - mit diesem Lied begann der 3. Ehrenamtlichentag der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Über 4000 Ehrenamtliche sangen gemeinsam mit Fritz Baltruweit und seiner Band passend zum Motto des Tages „Von Herzen“.

„Es kann einen von Herzen froh machen, so viele Menschen zu sehen, die aus der ganzen Landeskirche zusammengekommen sind“, freute sich Dr. Matthias Kannengießer, ehrenamtlicher Präsident der Landessynode der Landeskirche. Albert Wieblitz, Pastor für Ehrenamtliche, betonte: „Es ist Euer Ehrentag!“

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Workshops zum Thema Fremde

Eine Ermutigung, auf Fremde zuzugehen, ist vom Ehrenamtlichentag am Samstag in Hannover ausgegangen. In Workshops gaben Fachleute Tipps, wie man auf Migranten und Flüchtlinge zugeht.

Dr. Michael Wohlers, Gemeindepastor in Hannover, gab Tipps für die Zusammenarbeit mit Gemeinden anderer Herkunft und Sprache. Islamexperte Prof. Dr. Wolfgang Reinbold interviewte die kopftuchtragende Muslima Dua Zeitun, die über die Sicht von Muslimen in Deutschland differenziert Auskunft gab und um Verständnis warb.

Im Workshop „Gemeinsam Kirche sein“ fragte die 18-jährige Ella-Marie Beck aus Nienburg: „Wie plant man Gottesdienste mit Afrikanern?“ Wohlers, der im Haus kirchlicher Dienste für Gemeinden anderer Herkunft und Sprache zuständig ist, riet: Man solle Gottesdienste von Anfang an gemeinsam entwickeln, die Migranten einbeziehen bei Lesungen und Gebeten - auch in ihrer Muttersprache - und am besten eine Musikgruppe mitbringen lassen. Gemeinsame habe man oft Kirchenlieder aus dem 19. Jahrhundert, die man auch in Übersee kennt. Und: „Es gibt kein Gottesdienst ohne Essen; das ist so wichtig wie bei uns brennende Kerzen, Orgel und Blumen“, so Wohlers. Worshopteilnehmerin Regina Klawitter aus Hannover (54) bestätigte, wie wichtig das für die echte Begegnung auch nach ihrer Erfahrung ist.

Hans-Ulrich Schwarznecker aus Osnabrück (63) fragte: „Wie bekomme ich die Kommunikation besser hin?“ Wohlers verwies auf das Netzwerk „Internationale Konferenz christlicher Gemeinden“ im Bereich der Hannoverschen Landeskirche. Unter diesen Stichworten findet man im Internet Ansprechpartner auch konkret in Osnabrück, die Schwarznecker in seinen Männerkreis einladen kann. Auch verwies Wohlers auf ein 5-sprachiges Andachtsheft mit Liedern, Bibelworten und Gebeten und auf „Bausteine für interkulturelle Gottesdienste“.

Dua Zeitun, in Deutschland aufgewachsen und deren Herkunftsfamilie aus Syrien stammt, sagte im Workshop „Sind Sie Islamistin?“: „Die Religion ist oft das einzige, das unabhängig vom Land, Identität gibt.“ Sie selbst galt in Syrien als „Deutsche“ und in Deutschland als Syrerin. Jungen Deutschen werde nicht in Frage gestellt, ob sie Teil dieser Gesellschaft sind. Die 37-jährige Osnabrückerin selbst begleitet jugendliche Muslime und berichtete, dass radikale Islamisten Jugendlichen oft vom Moscheebesuch abraten, weil die Gemeinden dort wegen ihrer Zusammenarbeit mit deutschen Stellen schon als ungläubig gelten.

Diskussion mit Workshopteilnehmern gab es zum Kopftuch: Dr. Rolf Rosenkötter, Kirchenvorsteher aus Hannover, sieht damit eine neue Bekleidungsvorschrift kommen und einen gewissen Druck über die Religionsgemeinschaft ausgeübt. Zeitun entgegnete: Muslima müssten kein Kopftuch tragen, könnten auch die Gemeinde wechseln und sollten aber nicht anderen dies aufdrängen. Einmal habe sie mit konservativen Eltern eines Mädchens gesprochen, die sich unwohl damit fühlte und es nur wegen ihrer Eltern trug. Seitdem ist sie glücklich kopftuchlos unterwegs. Ein Worksteilnehmer erinnert sich, dass seine Oma aus Masuren auch immer Kopftuch tragen musste.

Zeitun zeigte Verständnis für den Lehrer, der nachdem Osnabrücker Urteil keine vollverschleierte Schülerin im Unterricht haben wollte. Vollverschleierung sei kein theologisches Gebot und „ist für das Vertrauen nicht gut“. Im Übrigen mache ein Kopftuch Frauen nicht reizlos, etwa durch Stimme, Körpersprache und Blicke. „Ich glaube schon, dass die Erschaffung der Frau  etwas ganz Besonderes ist“.

Gemeinden könnten islamische Gemeinden zum Kaffee oder Gemeindefest einladen. Pastorin Anne-Kathrin Bode aus Holzminden (36) berichtete, Frauen ihrer Gemeinde und einige Muslima treffen sich, um Moschee oder Kirche zu besuchen und über die Feste der Religionen zu sprechen. Reinbold bescheinigte: „So etwas ist immens wichtig!“

Vom Streiten und Vergeben

Um Zukunftsfragen unterschiedlicher Art ging es in Workshops beim Ehrenamtlichentag. Gemeindeberater thematisierten Streitkultur und Veränderungsprozesse und in einem anderen Workshop gab es handfeste Ratschläge, wie man das Reformationsjubiläum im kommenden Jahr ökumenisch feiern kann.

„Das einzig Beständige ist die Veränderung“, sagte Matthias Wöhrmann von der Gemeindeberatung im Haus kirchlicher Dienste in seinem Workshop „Planspiel Zukunft Kirche 2030“. Die Rahmenbedingungen für die Kirche verändern sich: Es gebe weniger Gemeindeglieder, beruflich Mitarbeitende, Geld und Einfluss. In dieser Situation solle man die Veränderungsprozesse aktiv gestalten, riet Wöhrmann und nicht aussitzen, optimieren, Symptome behandeln oder verfahren nach dem Motto: Genauso, nur kleiner. Auch „gesund schrumpfen“ oder einfach „Wachsen gegen den Trend“ seien keine Strategie.

Im Workshop über Streitkultur meinte Gudrun Germershausen, Referentin für Gemeindeberatung und Organisationsentwicklung im Haus kirchlicher Dienste: Jeder habe seine eigene Hoffnungen und Ängste, die jeweils unterschiedlich prägten. Schwierig sei es, wenn jemand seine Rolle nicht wahrnimmt oder selbst noch nicht weiß, was er oder sie will. Wo möglich, sollte man sich trennen, wenn eine Zusammenarbeit absolut nicht geht. Wichtig zum Brücken bauen sei es, dem anderen dessen Bereich nicht madig zu machen.

Ob man mit den Katholiken gemeinsam das Reformationsjubiläum im nächsten Jahr gemeinsam feiern sollte, wurde kontrovers diskutiert im Workshop „Vom Konflikt zur Gemeinschaft - ökumenisches Reformationsgedenken“. Pastor Woldemar Flake, Ökumene-Referent im Haus kirchlicher Dienste, riet dazu, zunächst „vor Gott einander zu vergeben“. Eine solchen gemeinsamen Gottesdienst am Sonntag „reminiscere“ - zu deutsch „gedenken“ - am 12. März 2017 unter dem Motto „Heilung der Erinnerungen“ könne zum Beispiel auf Kirchenkreisebene gefeiert werden. Auf Gemeindeebene könne man ein Erzählcafé anbieten, wo man mit den Katholiken Erinnerungen auch über die Differenzen und Schwierigkeiten in der Vergangenheit austauscht. Auch eine Filmreihe, Spaziergänge oder Pilgern, Frauenmahle oder Studienfahrten nach Wittenberg könne man ökumenisch anbieten und zwar: „Nicht oben drauf. Sondern wir machen das, was wir ohnehin machen nur ökumenisch!“, so Flake.

Foto: Norman Klaß

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