Schritte gegen Tritte

Nachricht 29. September 2015
Maik Bischoff im Gespräch mit den Teilnehmer/innen des "Schritte-gegen-Tritte"-Ausbildungskurses. Foto: Noah Grossmann/HkD

„Wir haben innerhalb eines Tages ein Gefühl davon bekommen, wie strukturelle Gewalt im System der Apartheid funktioniert hat“, zieht Maik Bischoff Bilanz.

Der pädagogische Mitarbeiter im Haus kirchlicher Dienste (HkD) für Gewaltpräventionsprojekte schaut mit den 15 Teilnehmern und Teilnehmerinnen des Ausbildungskurses „Schritte gegen Tritte“ zurück: Das erste Modul ihrer Ausbildung ist abgeschlossen. Doch sieben weitere warten noch.

Seit 1993 werden in dem Projekt der evangelischen Kirche Anti-Gewalt-Trainer ausgebildet. Zum Team gehören noch Lutz Krügener, Beauftragter für Friedensarbeit im HkD und Marc Struckmann, Pastor und Lehrer.
Sie alle wollen im Frühjahr 2016 Multiplikatoren für das Gewaltpräventions- und Anti-Rassismus-Projekt der Friedensarbeit im Haus kirchlicher Dienste (HkD) sein und dann selbst Kurse für Jugendliche anbieten.

Das Prinzip der acht Vorbereitungsmodule, die jeweils von 10 bis 17 Uhr dauern, lautet jedesmal „learning by doing“: Die 15 „Schritte gegen Tritte“-Azubis nehmen an den Projekttagen die Position der Jugendlichen ein, während ein erfahrener Referent das Programm „an Ihnen“ durchführt. Eingebettet ist diese Simulation jeweils von vorangehenden Hintergrundberichten und abschließenden Nachbesprechungen.

Am ersten Projekttag heißt das Thema „Südafrika und Umgang mit Gewalt“. Mit Kaffee und Kuchen für einige Auserwählte, „White“ und „Non-white“-Buttons am Kragen sowie Kreppband-Grenzen für die Sitzordnung wird hier die Rassentrennung des Apartheid-Regimes nachgestellt. Dann teilt sich die Gruppe auf und probiert ein Brettspiel aus: Man nimmt einen fiktiven Charakter an und versucht sein Leben, die Arbeit, den Alltag zu meistern. Mal als begüterter Weißer, dann als Schwarzer aus dem Township.

Es ist erstaunlich wie schnell sich die Teilnehmer der Simulation in ihre Rollen einfinden, sodass ein Gefühl für die strukturelle Gewalt entsteht: „Die Angst davor etwas falsch zu machen und die Macht der Gewöhnung machen solche Unterdrückungssysteme so stark“, räsoniert der Pädagoge Bischoff.

Nun sitzt die Gruppe im Kreis und stellt sich, nach der Erfahrung von Unterdrückung, Trennung und Ungerechtigkeit, automatisch die Frage: „Leben wir das, was wir eigentlich wollen?“ Genau dieser Denkprozess soll bei Schülern ab der 7. Klasse angeregt werden, wenn Sie später mit einem der „Schritte-gegen-Tritte“-Multiplikatoren einen Projekttag erleben.

Bischoff, der selber bereits hunderte Projekttage durchführte, erzählt von seinen Erfahrungen an Schulen: „Schüler können ihre eigenen Rollenbilder aufbrechen und neue Erfahrungen sammeln. Mal nicht der sein, der oben mit dabei ist.“

Nach einem erfolgreich absolvierten „Schritte-gegen-Tritte“-Lehrgang haben die „Azubis“ acht Module zu Themen wie Flucht, globaler Gerechtigkeit und Mobbing kennen gelernt. Als selbstständiger Multiplikator kann man dann frei aus dem Fundus der Einheiten wählen und auf Jugendgruppen, Kirchen und Schulen zugehen. Bischoff betont, dass so „viele verschiedene Zugänge für Jugendliche geschaffen werden.“ Jedes Modul legt einen eigenen Fokus in Bezug auf Thema, Methode und Praxisorientierung.

Das Ziel ist dabei immer klar vor Augen: Jugendliche sollen gewaltfreies Zusammenleben lernen.

Noah Grossmann

Was bisher geschah...

Seit 22 Jahren wird „Schritte gegen Tritte“ in Kirchengemeinden und Schulen Niedersachsens, Sachsen-Anhalts, Hessens und Württembergs durchgeführt. Bisher sind 151 Multiplikator/innen ausgebildet worden. Pro Jahr durchlaufen ca. 5000 Jugendliche das Projekt.

Als kirchliches Projekt...

...hat "Schritte-gegen-Tritte" seine Quellen in der biblischen Spiritualität der Gewaltfreiheit, bezieht jedoch ein weites Spektrum anderer religiöser und weltanschaulicher Erfahrungen mit ein. Basierend auf der Anti-Rassismus- und Anti-Apartheidsarbeit in Südafrika, wurde es 1993 vom Ev.-luth. Missionswerk in Niedersachsen durch Pastor Klaus J. Burckhardt entwickelt und in Deutschland eingeführt.