Krieg verhindern

Nachricht 30. November 2015
Lutz Krügener, Friedensbeauftragter der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers und Referent im HkD, kritisiert die Zunahme von mitlitärischen Einsätzen in der aktuellen Politik. Foto: Jens Schulze/HkD

„Warum will dies Volk irregehen für und für?“ „Sie laufen ihren Lauf wie ein Hengst, der in die Schlacht stürmt.“ „Mein Volk will das Recht des Herrn nicht wissen.“ Der Text des Propheten Jeremia, im 8. Kapitel, Verse 4 – 7 war  als Lesungstext für den Volkstrauertag vorgesehen und damit einen Tag nach den Terroranschlägen in Paris. Er spricht bis heute, in diese kriegerische Zeit, die passende Mahnung.

Eine bittere Erkenntnis Gottes über uns Menschen: Wir handeln gegen seinen Willen und gegen den sogenannten „gesunden Menschenverstand“, ja, letztlich gegen die eigenen Interessen als  Menschen.

Denn es liegt doch auf der Hand: Jede und jeder der fällt, will aufstehen.
Wer sich verirrt, sucht den richtigen Weg.

Doch nicht so die Menschen, an die Gott damals dachte und auch wir nicht, über 2500 Jahre später: „Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in die Schlacht stürmt.“

Für jedes Pferd ist dies widernatürlich. Nur mit gebrochenem Willen, getreten von den Menschen und mit Scheuklappen, stürmt der Hengst in die Schlacht, denn eigentlich ist das Pferd ein Fluchttier. Für uns sollte es auch widernatürlich sein, in die Schlacht zu ziehen. Schon aus Überlebensinstinkt sollten wir uns den  Friedenswillen als Menschheit nicht brechen lassen, sondern die Scheuklappen von den Augen reißen und uns von den Kriegstreibern auf allen Seiten nicht mehr treten lassen.

Oft genug Leiden des Krieges

Oft genug, zu oft, haben Menschen die Leiden des Krieges erfahren und werden doch immer wieder hineingetrieben. Deutschland stürmte im letzten Jahrhundert allen voran.

Und aktueller:
2001 – wurde der Krieg gegen den Terror ausgerufen und was hat er gebracht? Unzählige Tote, Billionen von verbrannten Dollar und menschlicher Intelligenz und schließlich: Nur noch mehr Terror.

2003 – zog die „Koalition der Willigen“ in den Krieg im Irak, völkerrechtswidrig und mit der Lüge, Massenvernichtungswaffen zu zerstören und die Demokratie zu bringen. Dieser Krieg zerstörte ein Land, brachte in der Folge 100000-fachen Tod und legte den Grund für den heutigen Terror des IS.

2011 – wurde der Diktator Gaddafi „liquidiert“ und ein Land und eine ganze Region ins Chaos gestürzt und die Waffen in ganz Nordafrika verbreitet.

2011 – begann sich der Konflikt in Syrien zu einem Bürgerkrieg zu entwickeln und wurde nach den jeweiligen Interessenlagen befeuert mit Waffen und Geld – das Ergebnis sehen wir.

Was haben wir gelernt?  – Nichts.

Brauchen wir 70 Jahre nach dem Ende des grausamsten und niederträchtigsten Krieges, den es je gegeben hat, wieder und wieder Kriege, um zu begreifen was gilt: „Nie wieder Krieg!“;  „Die Waffen nieder!“
Muss wieder Krieg sein, wie ihn nun alle herbei schreien, damit wir endlich weltweit, dass zu schätzen wissen, was wir, Gott sei es von ganzem Herzen gedankt, seit 70 Jahren in Deutschland leben dürfen – Frieden?! Oder ist immer noch nicht genug, stürmt der Hengst wieder und weiter in die Schlacht?
Hat Jeremia recht, dass wir Menschen nicht so klug sind wie die Turteltaube und der Kranich, die ihren Weg kennen? Nutzen wir unsere Gott geschenkte  Freiheit immer wieder falsch?

Wir wissen, was wir den Völkern Afrikas und im mittelern Osten angetan haben mit unserem Kolonialismus und den Grenzziehungen nach unseren Interessen.
Wir wissen darum, was wir der Welt antun mit unserem Ressourcenverbrauch, unseren Atomwaffen, der Waffenproduktion, den ungerechten Strukturen, … aber wir ändern – viel zu wenig.
Wir wissen, dass Kriege um Öl, Land, Reichtum und  Macht betrieben werden und ändern – nichts.

Wir ahnen als Christen, dass Jesus Gebot der Nächsten- und Feindesliebe die entscheidende Orientierung ist und leben sie doch nicht, sondern es bleibt: „… mein Volk will das Recht des Herrn nicht wissen.“

Was wäre zu tun?

Zuerst: Anerkennen, dass niemand eine einfache Antwort hat, unsere Schuld bekennen, unser Versagen eingestehen, eingestehen, dass militärische Einsätze langfristig keine Lösungen bringen, eingestehen, dass wir wieder versagt haben, wenn wir uns in die Lage bringen,  dass sich der Einsatz von Gewalt nicht vermeiden lässt.
Danach eine tatsächlich weltweite Strategie entwickeln für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung und sich diese auch nicht durch Terroranschläge von einzelnen Verbrechern zerstören lassen.

Und dann endlich das tun und mit aller Energie, diplomatischen Einsatz und Geld  umsetzen, was schon  bekannt ist:

  • auf allen Ebenen für gerechte Strukturen in der Welt sorgen, in der demokratischen Beteiligung, der Wirtschaft, der Verteilung der Güter,
  • die Profit- und die Machtgier ächten und nicht belohnen,
  • das Klima und die Umwelt endlich konsequent schützen,
  • einen wertschätzenden Dialog der Religionen vorantreiben,
  • dies im Kleinen der einzelnen Gesellschaften beginnen und bis in die Weltgemeinschaft tragen,
  • Waffenexporte einstellen, Atomwaffenarsenale abschaffen und nicht modernisieren, die eingesparten Gelder einsetzen für zivile Konfliktbearbeitung.
  • Und ganz aktuell: Verstehen lernen und fördern, dass eine Willkommenskultur für Flüchtlinge ein vielversprechender und umsetzbarer Ansatz ist, um dem Terrorismus die Grundlagen zu entziehen. Hier könnten Wege der Aussöhnung mit Muslimen beginnen. Hier lohnt es alle diplomatische und finanzielle Energie hineinzustecken.
    Ich schließe mich Bernd Ulrich an, der am 19.11. in der „Zeit“ schrieb: „Entweder wir helfen ihnen [den Flüchtlingen] in bisher nie gekannter Weise bei der Verbesserung ihrer Lebensumstände in ihrer Heimat – oder sie kommen und bleiben ... Darin liegt der politische Kern der Willkommenskultur: Was wir hier mit den Arabern machen, wird das Bild, das sie in der Region von uns haben, prägen ... Wegen dieser historischen Aussichten wäre es äußerst kurzsichtig, nun zu versuchen, das leidlich freundliche Willkommen wieder in eine Abschreckungskultur zu verwandeln. Sollte diese Chance zur Versöhnung verspielt werden, entsteht so viel neue Wut, dass wir sie militärisch und geheimdienstlich nicht wieder einfangen können ...Vielleicht einen Marshallplan für die Region und die Öffnung des europäischen Marktes.“
  • Als „Kirche“ müssen dazu kommen, die friedensethischen Grundsätze unserer Kirche wirklich anzuwenden und umzusetzen: „Vorrang für Zivil“; „Vorrang für Gewaltfreiheit“.
    Die „Friedenslogik“ sollte leitend werden und nicht die „Sicherheitslogik“. Nur mit der Friedenslogik kann es gelingen präventiv zu handeln und den Frieden „vom Ende her“ zu denken und nicht nach kurzfristig sicherheitspolitischen Maßnahmen. (Vgl. das Konzept von Hanne-Magret Birckenbach, in Wissenschaft und Frieden-Dossier 75, 2/2014)

Gewaltmittel nur in sehr engen Grenzen

  • Nur wenn dies alles die Grundlage unseres Handels ist, können wir eingestehen, dass in besonderen Situationen zur unmittelbaren Gefahrenabwehr und zum direkten Schutz von Menschen auch Gewaltmittel, auf der strengen Grundlage des Völkerrechts und kirchlich nach den engen Kriterien des „Gerechten Friedens“ ,eingesetzt werden dürfen.
    Hierbei denke ich nur an Formen der nationalen und internationalen polizeilichen Gewalt, wie es in dem Konzept des „just policing“ entwickelt wurde. (z. B. bei Fernando Enns, in: Junge Kirche 4/2015 oder Jonathan Frerichs auf der Church and Peace Konferenz 2014).
    Konkret wären schon lange alle Geldtransfers und Öllieferungen des IS zu unterbinden gewesen.
  • Solange diese „umfassende Strategie“ nicht sichtbar wird, sollten wir „als Kirche“ keinen militärischen Einsätzen zustimmen, sondern den Menschen direkt helfen, indem wir z. B. dafür eintreten, dass die Flüchtlingslager des UNHCR endlich richtig gut ausgestattet werden mit warmen Unterkünften, Lebensmitteln, aber auch mit Bildungsmöglichkeiten und vieles mehr.

Es gibt Alternativen zum Krieg!

Lutz Krügener, Beauftragter Friedensarbeit der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers