Pastorin macht Praktikum im Stall

Nachricht 17. August 2015
Ricarda Rabe, Referentin für Kirche und Landwirtschaft im HkD, lernt die Situation der Landwirte vor Ort kennen. Foto: Regine Suling

Pastorin packt beim Praktikum im Stall kräftig an - Ricarda Rabe hat keine Angst vor Schweinen

Wietzen (ine). Vorsichtig schauen die Schweine um die Ecke und flitzen wenig später den Gang entlang. Mittendrin: Ricarda Rabe im grünen Kombi und Gummistiefeln beim Schweinetreiben. Stallarbeit ist der Pastorin nicht fremd: „Ich stamme von einem landwirtschaftlichen Betrieb“, erzählt sie. „Aber die Bilder, die ich im Kopf habe, sind alte Bilder.“ Die wollte die Pastorin, die seit April 2014 als Referentin für Kirche und Landwirtschaft im „Haus kirchlicher Dienste“ der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers arbeitet, gründlich auffrischen. Und fand sich deshalb jetzt zu einem Drei-Tages-Praktikum bei Schweinehalter Birger Sieling in Wietzen ein.

„Berührungsängste habe ich nicht“, sagt Ricarda Rabe. Sie schaut daher nicht nur zu, sondern packt auch selbst mit an. Und erkennt schon nach wenigen Tagen: „Dass es den Tieren gut geht, liegt vor allem daran, wer sich um sie kümmert und nicht, wie viele Tiere im Stall sind.“ Ganz bewusst hatte sich Ricarda Rabe entschieden, drei Tage lang in einem konventionell wirtschaftenden und anschließend drei Tage in einem Bioland-Betrieb mit Sauenfreilandhaltung in der Nähe von Peine zu hospitieren. „Ich sitze in vielen Gremien, in denen über Tierhaltung gesprochen wird“, sagt Ricarda Rabe. Deshalb ist es der Pastorin wichtig, mehr über die tatsächliche Arbeit in den Ställen und auf den Höfen zu erfahren. Beim Umgang mit den Tieren sei ihr eines aufgefallen: „Der Schlüssel ist immer der Mensch.“ Ricarda Rabe ist es deshalb wichtig, gegen ein Schwarz-Weiß-Denken anzukämpfen und darauf zu achten, dass nicht alle Landwirte in einen Topf geworfen werden. „Differenziert bitte“, ist ihre Botschaft. Für Kurz-Praktika im Schweinestall hat sie sich entschieden, weil gerade die Schweinehaltung besonders in der gesellschaftlichen Diskussion sei. „Im kommenden Jahr will ich dann auf einem Milchvieh-Betrieb hospitieren“, berichtet Ricarda Rabe.

Bei ihrem Kurz-Praktikum ist ihr im Vergleich zum elterlichen Betrieb Ende der 1970er Jahre vor allem eines aufgefallen: „Wir hatten alles, Kühe und Schweine, außerdem vielleicht zehn bis zwölf Sauen. Bei uns wurden Schweine geschlachtet, und ich habe mit den Kälbchen gespielt. Das sind Dimensionen, die man heute nicht mehr hat.“ Zudem gebe es heute viel Entfremdung und auch Unwissenheit darüber, wie ein Lebensmittel eigentlich produziert wird. Das beobachte sie auch bei den Vikaren, die sie für ihre Arbeit in den Gemeinden ausbildet. Da die Kirche ihr Land verpachte, müssen auch die angehenden Pastoren eine gewisse landwirtschaftliche Grundbildung vorweisen. „Da werde ich dann auch schon mal gefragt, ob Kühe auch Mais fressen.“ Fragen, die Ricarda Rabe gerne beantwortet.

Warum aber gerät die Landwirtschaft mehr und mehr in die gesellschaftliche Diskussion? Die Sehnsucht nach der vermeintlich heilen Welt sei es, die viele Menschen hätten. „Die Landwirtschaft wird oft romantisiert“, hat die Pastorin beobachtet. Dass ein Bauer von dem Ertrag seines Betriebs auch leben müsse, würden viele Menschen nicht sehen. Worin die Ursache für die veränderte Wahrnehmung der Landwirtschaft in der Öffentlichkeit liegt? Ihrer Ansicht nach ist dies in der Gefühlswelt der Gesellschaft begründet. „Der Bauer hat etwas Archaisches, er ist jemand, der stellvertretend den Kontakt zur Natur und zu Gott hält.“ Wenn aus Sicht der Gesellschaft etwas gegen die Ansicht verstoße, sei die Enttäuschung umso größer. Deswegen ist es ihr so wichtig, einen persönlichen Einblick zu gewinnen. „Denn Landwirtschaft hat auch ganz viel mit Vertrauen zu tun“, findet Ricarda Rabe.

Die drei Tage bei Birger Sieling, seinen Sauen, Ferkeln und Schweinen haben ihr gut gefallen. Ein Bauernhof sei eben kein Streichelzoo, weiß die Pastorin nur zu gut und sagte, an Landwirt Birger Sieling gerichtet: „Ich habe gesehen, wie viel Mühe du dir gibst und dass die Tiere dir nicht egal sind.“

Text: Regine Suling. Mit freundlicher Genehmigung von "Blickpunkt Nienburg", dort erschienen am 18. 7. 2015